Pester Lloyd - reggeli kiadás, 1930. november (77. évfolyam, 250-274. szám)

1930-11-01 / 250. szám

Die letzten Worte Stefan Tiszas: „Das musste so kommen“... Von JOSEF VÉSZI. Budapest, 31. Oktober, Heute jährt sich der Unglückstag, an dem Graf Stefan Tisza von feigen Sendlingen des Umsturz­pöbels ermordet wurde. Als er, tödlich getroffen, zu Boden sank, sprach er noch die Worte: „Das mußte so kommen“] und dann hauchte er seine große Seele aus. „Das mußte so kommen.“ Was hat er mit diesen Worten gemeint? Eine tragische Rätselfrage, in deren düsteres Geheimnis bislang niemand hinein-, geleuchtet hat. Ich bin der einzige Wisser und Hüter dieses Geheimnisses. Bald trete ich in mein 73. Lebens­jahr; meine Jahre, vielleicht meine Tage sind also -gezählt; da frage ich mich, ob ich dieses Geheimnis ins Grab-mitrfehmen darf? Und eine innere Stimme sagt mir, daß ich das bisher beobachtete Stillschwei­gen brechen, der Nachwelt — wóhl auch der Mit­welt — den Schlüssel zur Deutung der tragischen Schicksalsfrage geben soll... * Am 15. Juli 1917 wurde ich vom Grafen Stefan Tisza aus dem Ministerpräsidium angeklingelt. — Hast du, fragte er mich, eine Viertelstunde übrig für einen gefallenen Ministerpräsidenten? Es war mir bekannt, daß Tisza seinen Rücktritt angemeldet hatte, doch hatte ich noch keine Kennt­nis von der Entscheidung des Königs Karl über die Annahme' des Demissionsgesuches und über die Per­son des Amtsnachfolgers. Überrascht fragte ich also den Grafen Tisza, ob die Entscheidung bereits gefallen und wer sein Nachfolger wäre? — Du weißt es nicht? — Moritz Esterházy ist mit der Bildung des Kabinetts betraut und hat den Auftrag auch angenommen. Verdutzt fragte ich: — Wie ist man auf diesen Außenseiter verfallen? Die Antwort lautete: — Das wissen die Götter allein, ich jedenfalls habe mich um die Sache nicht weiter zu kümmern. Nach einigen Minuten saß ich im Arbeitszimmer des gewesenen Ministerpräsidenten und erkundigte mich nach seinem Wunsche. — Ich habe eine Bitte an dich, antwortete Graf Tisza. In der Wahlrechtsfrage trennt uns beide ein unüberbrückbarer Gegensatz. In allen übrigen Stük- ken hast du mir stets treue Gefolgschaft geleistet, und in dieser Stunde meines Scheidens aus dem Machtbesitz sage ich dir Dank dafür. Einzig die Wahlrechtsfrage war es, in der wir uns nie ver­ständigen konnten. Du bist mit einer Konsequenz, der ich meinen Respekt nicht versagen kann, immer für das allgemeine Wahlrecht eingetreten, ich hin­gegen habe immer dagegen gekämpft. Die Debatten, die wir in dieser Frage miteinander , führten-, waren mitunter heftig, aber immer sachlich und, auf beiden Seiten von Verantwortungsgefühl und sittlichem Ernst getragen. Das unter dem Kabinett Ladislaus Lukács zustande gekommene neue Wahlrechtsgesetz hat aber nach meinem Dafürhalten das Problem auf einen Ruhepunkt gebracht. Anderer Meinung ist der Träger der Krone. Ich habe an meiner Überzeugung festgehalten und mußte darum abdan­ken. Von Esterházy höre ich, daß er eine Zeitlang die Frage des allgemeinen Wahlrechts nicht, aufzu­rollen gedenkt. Dich aber bitte ich, in deinem Blatt diese Frage nicht ohne zwingenden Grund anzu­schneiden. Wir gehen sehr ernsten Zeiten entgegen, und ich möchte nicht, daß zwischen dem Pester Lloyd und mir sich eine Kluft auftut, denn unter den gegebenen Verhältnissen ist eine durch keine Dissonanz gestörte Zusammenarbeit zwischen uns beiden unerläßlich. . .. \ Ich antwortete dem Grafen Tisza: — Gern füge ich mich deinem Wunsche. Ich verspreche dir, die Frage des Wahlrechts nicht mut­willig von ihrem toten Punkt wegzurückeri; Du wirst es aber als eine Selbstverständlichkeit betrach­ten, daß wenn die Frage von anderer Seite aufge­worfen wird, ich dazu im Sinne meiner bisher ver­tretenen Überzeugung Stellung nehmen muß. Graf Tisza nickte zustimmend mit dem Kopf, ich aber wandte mich an ihn mit den Worten: — Du bist jetzt frei von der unerhörten Last der Amtsgeschäfte und der Verantwortlichkeiten, wirst also Muße haben, deine Aufmerksamkeit einem Problem zuzuwenden, womit sich seit einiger Zeit die denkenden Köpfe in aller Herren Ländern sehr eingehend und sehr ernst befassen. Ich meine das Problem des „Großen Unbekannten“, die Frage nach der Psychologie der Massen, die nach Kriegsende von den Fronten zurückströmen werden. Es ist dax-über eine Literatur entstanden, die diesen gan­zen Saal bis an die Decke ausfüllen würde. In wel­cher seelischen und moralischen Verfassung wird der Frontsoldat von den Kriegsschauplätzen heiin- kehreri? Wie wird der Krieg seine Mentalität und seinen Charakter beeinflußt haben? Wird seine Seele nicht mit dem Sprengstoff politischer und sozialer Leidenschaften beladen sein? Was werden die Re­gierungen tun müssen, um den Gefahren der Unbe- reChenbarkeit dieser müssen psychologischen Wand­lungen zu begegnen? Das alles muß notwendig zu Erwägungen über das künftige Wahlrecht auch in Ungarn führen. Überall wittert man das Aufsteigen großer Gefahren, und überall sinnt man den wirk­samen Methoden nach, wie diese Gefahren abzu­wenden wären. Graf Tisza antwortete gelassen: — Du sprichst von Gefahren. Ich bin außer­stande, solche zu sehen. Wie kann man sich nur vorstellen, daß dein „Großer Unbekannter“, den Hang zu irgendwelchen Umsturzgelüsten heimbrin­gen wird? Ich finde diese Besorgnis einfach lächer­lich. Der Mann, der die Entsetzlichkeiten des vier­jährigen Krieges miterlebt hat, um den herum der Tod seine furchtbar reiche Ernte hielt, der Front­kämpfer, der so schauerliche Aufregungen, Strapa­zen und Entbehrungen mitzumachen hatte, der jeden Augenblick dem Tod ins Auge schauen mußte, wie kann er, geht einmal der Krieg zu Ende, anders als glücklich darüber sein, daß er nunmehr heimkehren darf zu seiner Familie, daß es ihm gegönnt sein wird, endlich des Friedens zu genießen? Für mich gibt es diesfalls keinen Zweifel. Der Heimkehrer wird Gott denxütig auf den Knien danken für seine Rettung aus den Schaucrlichkciten des Krieges, er wird sich nach Ruhe und Ordnung sehnen, glück­lich wird er sich fühlen, der Obrigkeit Geduld und Respekt entgegenbringen zu können und den Auto­ritäten den schuldigen Gehorsam zu bekunden. Nicht eine Zeit des Umsturzes wird nach dem Kriege kommen, sondern — wie nach allen Kriegen — eine Biedermeier-Epoche des ruhigen und friedlichen Lebens, der Einfachheit und der seelischen Ausge­glichenheit. Mögen andere sich der Schwarzseherei hingeben, ich bin und bleibe dieser Überzeugung und lasse mich darin nicht wankend machen. Noch eine Zeitlang di'chte sich unser Gespräch um diese Frage, Graf Tisza blieb unerschütterlich bei seinem Optimismus, ich bestand auf meinen Be­sorgnissen. So wahrte jeder von uns seinen Stand­punkt, und ich schied von ihm init einem innigen Händedruck. « Einige Monate später entschloß sich Graf' Tisza, den Frontdienst im Kriege anzutreten. Der König ernannte ihn zum Obersten und übertrug ihm das Kommando des Debrecencr Husarenregiments. Vor seiner Abf ain't an die Front rief er mich wieder telephonisch an, um mir für die Nachmittagsstunden seinen Besuch anzukündigen. Er trug noch Zivil­kleider, als er in meinem Arbeitszimmer erschien. Er reichte mir die Hand, warf durch seine Starbrille einen durchdringenden Blick auf mich, ließ sich in einen Lehnstuhl nieder und sprach zu mir: — Morgen früh gehe ich an die Front. Für heute abend habe ich den Grafen Karl Khuen-Hédervárv, Eugen Balogh und Stefan Vojnich in den Parteiklub gebeten, um mich mit ihnen über die Art und Weise der Erledigung der Parteiangelegenheiten während meiner Abwesenheit zu besprechen. Zu dir aber komme ich, um dir dafür zu danken, daß du dein Versprechen in der Wahlrechtsfrage bisher ein­gehalten hast, und um mein Anliegen zu erneuern, daß du dich der Aufrollung der Frage in deinem Blatt auch weiterhin enthalten möchtest. Ich sagte ihm die Erfüllung seines Wunsches zu, bat ihn aber, im Schützengraben seine Haltung zur Wahlrechtsfrage einer Wiedererwägung zu unter­ziehen, denn meine schlimmen Ahnungen über die Umsturzgefahr nach dem Kriege hätten sich seit un­serem letzten Beisammensein eher noch gefestigt. Graf Stefan Tisza aber verharrte bei seinem bisherigen Optimismus. — Lasse dich doch durch die Weltgeschichte belehren, sagte er. Die Natur hat jeglicher Kreatur, auch den Völkern, die Segnungen des Regenerierungs­vermögens verliehen. Die Wunden, die der Krieg ge­schlagen, verheilen, das Steigen der Geburtenzahl schafft Ersatz für die verlorenen Menschenleben, die mit gesteigertem Schwung wiederaufgenommenc Friedensarbeit ersetzt mit der Zeit die vernichteten Wirtschaftsgüter. So war es nach dem dreißigjährigen und dem siebenjährigen Krieg, wie nach dem deutsch-französischen Feldzug 1870/71, und sei unbe* sorgt, so wird es auch nach diesem Kriege sein. Ich entgegnete: — Ich kenne die Regenerierungskraft der Natur, aber ich weiß auch, daß sie ihre Grenzen hat. Wenn ich mit meinem Taschenmesser ein Hautstück von meinem Arm im Umfang eines Quadrat- 7entimeters wegschneide, so eilen die Blutkörperchen an die beschädigte Stelle und-fangen an, geschäftig zu weben, und sie weben und weben so lange, bis über der Wunde eine neue Epithelschicht entstanden ist. Schindet man aber von einem ganzen Ann die Haut weg, so versagt das Regenerierungsvermögen, der Arm wird brandig, und wird er nicht rechtzeitig amputiert, so kommt unfehlbar das letale Ende. Du hast vom dreißigjährigen, vom siebenjährigen und vom deutsch-französischen Krieg gesprochen. Aber in den dreißig Jahren des dreißigjährigen Krieges standen in beiden feindlichen Lagern zusammen nicht so viel Menschen gegeneinander, wie in einer einzigen Schlacht dieses Weltkrieges. Und der deutsch-französische Feldzug hat nicht viel länger gedauert, als einzige Dauerschlacht in diesem Welt­kriege. Das ist nicht mehr ein Quadratzentimeter Hautstück, das ist der nacktgeschundene ganze Arm. Wunderbar ist die Regenerierungskraft der Natur, aber bei solchen Dimensionen muß sie versagen. Die bange Frage nach der seelischen und moralischen Verfassuixg des Großen Unbekannten bleibt also — ich fürchte sehr — nicht bloß das gefährlichste, sondern auch das düsterste Problem, das sich nach Kriegsende aufrecken wii'd. Graf Tisza blieb unbekehrt. Er bestand darauf, daß die Zeugenschaft der Weltgeschichte für seine Auffassung spricht, und die von mir geäußerten Be­sorgnisse ei'ledigte er mit einer ablehnenden Hand­bewegung. Ich aber ließ nicht locker und versuchte, ihm folgendes nahezulegen: — Daß die Heimkehrer den Umsturzgeist mit sich bringen werden, erscheint mir auch aus wirt­schaftlichen Gründen unzweifelhaft. Was ist denn in diesem Krieg wirtschaftlich geschehen? Alles Gold der kriegführenden Staaten wurde sozusagen in metallene Röhren und Metallgeschosse verwan­delt. Und auch die neutralen Völker sogar waren töricht genug, ihre Sachgüter an die Kriegführenden gegen Gold zu veräußern. Nach dem Krieg werden auch sie, wie die kriegführenden Parteien, aller wirklichen Wirtschaftswerte, nämlich aller Sach­güter, entblößt sein und höchstens über Gold ver­fügen. Du selbst hast aber, als Italien in den Krieg eintrat, unsere Unruhe mit , den Worten zu be­schwichtigen versucht: „Italien mag für den Krieg Gold aufgespeichert haben. Aber das Pferd, das die Kanonen in die Hochgebirge hinaufgeschleppt hat, kann nur mit Hafer und Heu, nicht mit Gold ge­füttert werden.“ Wohlan, der ganze wirtschaftliche Unterbau, auf dem Europa ruht, wird nach dem Kriege zerbi'öckelt sein. Wenn in der Natur eine geologische Schicht im Erdenschoß sich verschiebt, entsteht ein tektonisches Erdbeben. So wird auch Europa nach dem Kriege von einem tektonischen Erdbeben heimgesucht sein, und inmitten der Schrecken dieses Erdbebens werden die Umsturz­geister sich ihrer Fesseln entledigen und das Ver­derben revolutionärer Umwälzungen für Staat und Gesellschaft hei-aufbeschwören. Ich sehe das voraus und mir bangt vor solcher Zukunft. Und wieder stelle ich die Frage-: Wäre es nicht heilsam, der Umsturzgefahr durch eine Wahlrechtsreform vorzu­beugen, die den gärenden Massen das offene Ein­stehen für ihre Forderungen auf der Parlaments- tribüne gestattet, um sie dadurch der unterirdischen Wühlarbeit demagogischer Agitatoren zu entziehen? Heutige S8SB Blelleir Abonnement: Inseratenaufnahme: _ Für Budapest: mit täglich zweimaliger _______ _______ _________ {ÜteWyd“.,!!" in“'Äncen* Z ustellung und für das Inland Morgen- A| HRIW9 — ■SB EM — BHBBfc. 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Oj /I W f J 77, Jahrgang« Budapest, Samstag, 1. November 1930« Nr« 250

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