Pester Lloyd - reggeli kiadás, 1935. február (82. évfolyam, 27-49. szám)

1935-02-01 / 27. szám

Flandín und Laval in London. Budapest, 31. Januar. Oft sind in den letzten Jahren französische Mini­ster über den Kanal nach London und englische nach Paris gereist, aber keine dieser zurückliegenden Be­gegnungen kann sich an Bedeutung mit der heutigen messen, die Flandin und Laval zu Macdonald, Baldwin und Sir John Simon führt. Seit sehr langer Zeit war an eine Ministerreise nicht so viel Hoffnung geknüpft wie an diese, und nicht nur Hoffnung und Erwartung eines einzigen Landes, sondern ganz Europas. Der Besuch ist still vorbereitet , worden, an­dere Ereignisse, die spannender und äußerlich auf­regender waren, allen voran die Saarabstimmung, haben ihn in der öffentlichen Aufmerksamkeit etwas in den Hintergrund gerückt, obwohl er der Aus­gangspunkt der größten Wendung der europäischen Politik in der Nachkriegszeit werden kann. Es ist sinnlos, seine Wichtigkeit nur darum zu unter­schätzen, weil der Erfolg noch nicht sicher ist, ent­scheidend bleibt, daß die fünf Männer in London sich mit der Absicht an den Tisch setzen, jenen Schritt zur Sicherung des Friedens zu tun, auf den ein Erdteil seit vielen Jahren wartet. Die Möglichkeit und der gute Wille der Beteiligten genügt auch der ungarischen Öffentlichkeit, um mit ihren besten Wünschen Flandin und Laval nach England zu be­gleiten, denn die Idee, um deren Verwirklichung es jetzt geht, ist eine allgemein europäische, also auch eine ungarische Hoffnung. Diese Fahrt ist eine Friedensfahrt, weil sie der Bereinigung des europäischen Zentralproblems, den deutsch-französischen Beziehungen, gewidmet ist. Nicht zum erstenmal führt für Frankreich der Weg zu Deutschland über London, aber noch nie hat er seit Stresemanns Zeiten zum Ziele geführt. Nicht zum erstenmal bietet die englische Politik ihre vermitteln­den Dienste an, hoffentlich zum erstenmal mit Er­folg. Bisher scheiterte der englische Versuch an dem nicht zu überbriickenden Widerspruch zwischen der deutschen Gleichberechtigung und der französischen Sicherheitsthese, und vielleicht hat der ehrliche Schlichter dabei auch ein wenig Schuld gelhabt, weil er nicht einseben wollte, daß seine Rolle bei der Ver­ständigung über die bloße Vermittlung hinausging. England scheint diese Schwäche seiner außenpoliti­schen Haltung eingesehen zu haben, es konnte sich dem Eindruck der Erfolge seiner erhöhten Aktivität in Genf nicht entziehen, es scheint bereit zu sein, verantwortlicher Partner eines wirklichen Friedens­paktes zu werden. Das war eine der Vorbedingungen, die die Lon­doner Reise möglich machte, aber bei weitem wich­tiger war die andere, die die Politik Lavals vorbe­reitete. Sie hat nach tausend mißlungenen Versuchen den Abgrund zwischen dem Dogma der Sicherheit und der Gleichberechtigung überbrückt. Der Stein der Weisen für ein unlösbares Problem ist gefunden, das Rezept dafür ist jedenfalls schon fertig. Jetzt nachträglich scheint es gar nicht so kompliziert zu sein, und man wundert sich, daß man es früher nicht hatte. Wieder lehrt ein großes historisches Bei­spiel, daß die politischen Dinge viel einfacher sind, wenn man etwas Schmiegsamkeit, Sinn für Reali­täten und wirklichen Verständigungswillen zu ihrer Behandlung mitbringt. Für die französische Außenpolitik, die stets im Zeichen der Sicherung gegen den befürchteten deutschen Angriff stand, gab es grundsätzlich immer schon zwei Möglichkeiten, von denen sie aber die eine nicht sehen wallte. Die andere, die sie ergriff und befolgte, vielleicht weil sie die natürliche Folge der Situation von 1919 war, vielleicht weil zu ihr weniger Phantasie und Anpassungsfähigkeit ge­hörte, war die Aufrichtung und Erhaltung der mili­tärischen Überlegenheit, die Erhöhung der eigenen kriegsteohnischen Kraft zu Land, zu Wasser und in der Luft und die Unterdrückung der deutschen Rüstungen. Dazu hot der Versailler Vertrag die Grundlage und Frankreich beharrte auf seinem Text, auch nachdem die ganze Welt wußte, daß er nicht mehr erfüllt war. Aber mit dem Rüstungsvergleich gegenüber Deutschland war der Kreis dieser Politik Frankreichs bekanntlich nicht erschöpft. Es gehör­ten zu ihr noch militärische Bündnisse, ursprünglich mit der Kleinen Entente und Polen, später ohne Polen, aber dafür mit einer engen, bis an die Grenze der Militärkonvention gehenden Annäherung an Rußland. Das war die neue „Einkreisung Deutsch­lands“, die Politik der Aufrichtung von diplomati­schen Frönten quer durch Europa, gewiß eine Mög­lichkeit für die rein technische Sicherung im Kriegs­fälle, aber keineswegs ein ausreichendes Mittel zur ehrlichen Verhinderung des Krieges. Denn sie war auf Wohl und Wehe mit allen Übeln unlöslich ver­knüpft, in die die Verträge von 1919 Europa gestürzt haben, und sie konservierte die Gegensätze und er­höhte sie, indem sie ausschließlich auf die Folgen ihrer gewaltsamen Austragung bedacht war. Die andere Möglichkeit, die Frankreich immer offen stand, war, die Fronten niederzulegen und da­bei trotzdem die Sicherungen zu behalten, die es wünschte, allerdings jetzt nicht mehr im Wege militärischer Überlegenheit, sondern durch eine gesamteuropäische kollektive Garantie. Es wäre sicher ungerecht, Frankreich den Vorwurf zu machen, daß es niemals in dieser Richtung Ver­suche unternommen hätte. Locarno war der erste und gewiß nicht zu überschätzende Schritt auf dem Wege echter Befriedung, aber er hätte fortgesetzt werden müssen bis zur völligen Befreiung Deutsch­lands von der Ausnahmestellung, die im der Ver­sailler Vertrag auferlegte. Es war auch notwendig, die Verständigung mit Italien und die Zustimmung Englands zum System der Garantien zu erzielen, bis sich die französische Öffentlichkeit sicher genug fühlen konnte, um Deutschland in der Rüstungs­frage entgegenzukommen. Manches davon hat schon Barthou eingeleitet, aber grundsätzlich bleibt ei in der Geschichte der Vertreter der alten, starren, unbeugsamen These, und es ist Lavals Verdienst, auf den vereinzelten Anfängen Barthous weiter­hauend, die Situation geschaffen zu haben, in der diese Londoner Reise möglich wurde. Er hat da.« Einvernehmen mit Italien hergestellt und er bat in den vorbereitenden Verhandlungen mit dem eng­lischen Botschafter in Paris die prinzipielle An­näherung an den englischen Standpunkt erreicht, die heute so viel Erwartungen für die Zukunft weckt. Der Plan, den die französischen und englischen Staatsmänner in den nächsten Tagen in London diskutieren werden, ist nur in den Umrissen be­kannt. Er sieht im Wesen ein allgemeines europäisches Garantiesystem bei gleichzeitiger Zugestehung der Rüstungsgleichheit an Deutschland vor. So einfach wie die Grundlinien ist die konkrete Konstruktion nicht. Frankreich wird erstens eine Annahme der beiden von ihm vertretenen Paktprojekte, des mit Mussolini vereinbarten Mitteleuropapaktes und des Ostpaktes durch Deutschland vorschlagen und dar­über hinaus einen Eintritt Englands in irgendeiner Form in dieses Sicherheitssystem verlangen. Es wird zweitens eine allgemeine Abrüstungskonvention Vor­schlägen und es scheint, falls die mögliche Einigung in der Rüstungsfrage den französischen Wünschen entspricht und Deutschland in den Völkerbund zu­rückkehrt, bereit zu sein, den Teil V des Versailler Vertrages aufzuheben, der die Abrüstung Deutsch­lands beinhaltet. Damit wäre die Sonderstellung Deutschlands aufgehoben und der französische Sicherheitsanspruch trotzdem verwirklicht. Von der Realisierung dieses Planes sind wir noch weit entfernt. Vorarbeiten zu ihm sind abge­schlossen, aber er selbst tritt heute erst in das Sta-' di um der ersten Diskussion. Allzu viele Faktoren und Länder sind in ihn eingeschlossen, als daß man an eine leichte und reibungslose Durchsetzung des Entwurfes glauben könnte. Man kennt Englands grundsätzliche Abneigung gegen neue Verpflichtun­gen auf dem Kontinent, man weiß nicht, welche Feuilleton. Unselige Auferstehung. Novelle. Von ZOLTÁN SZUNYÁI. im Herbst neunzehnhundertvierzehn hatte er als Fünfundzwanzigjähriger im Granatenfeuer vor Lemberg das Bewußtsein verloren und es nicht mehr zurückgewonnen. Jahre hindurch stellte man mit ihm in Lazaretten und Kliniken Versuche an, ehe man die Hoffnung fahren ließ, ihn sich selber wiedergehen zu können, und ihn in einer Ii-renanstalt unterbrachte. Dort wuchs ihm ein langer Bart, der mit der Zeit zu ergrauen begann, und seine Nägel wurden fast klauendick. Er war der hoffnungsloseste Fall der Anstalt. Als er eines Tages zum Spaziergang in den Garten geführt wurde, stürzte sich ein Tob­süchtiger auf ihn und begann ihn zu drosseln. Unter dem mörderischen Druck der Finger loderte in sei­nem Blick die einstige Flamme des Lehens wieder auf und seiner Kehle entrang sich ein Schrei des Entsetzens: „Hilfe! Hilfe!“ . Er hatte das Bewußtsein wieder erlangt. Da­mals war er bereits fünf und vierzig Jahre alt. Man führte ihn dem lnspektionsarzt vor, der ihn voll hef­tiger Gelehrtenneugier auszuholen begann. Der Kranke gab langsame Antworten und verfiel all­mählich selber in die Rolle des Ausfragers. Er begriff nicht, wie er hieher geraten sei. Erinnerte sich aber an Kanonendonner und Gewehrgeknatter. „Vielleicht bin ich verwundet worden?“ grü­belte er und blickte immer unruhiger , in den ihm gegenüber hängenden Spiegel, aus dem ihm ein fremdes und dennoch rätselhafterweise bekanntes Gesicht entgegensah, umrahmt von Haupthaar, das auf die Schultern hinabfiel, und von dem ergrauen­den Gestrüpp eines wild gewachsenen Bartes. Von Zeit zu Zeit wendete er sich um, er wollte das lebende Original des Spiegelbildes sehen, nahm aber niemand wahr. Im Zimmer befanden sich nur der Arzt und er selber. Schließlich reckte er mit ungeduldiger Geste den Arm aus und wies auf den Spiegel: „Wer ist das da?“ Der Arzt antwortete nicht gleich. Behutsam faßte er die Wörter an, suchte die Sätze zu zart- fühligen Übergängen zusammen, die dem Kranken begreiflich machen sollten, zwanzig Jahre seien verflossen, seit er sich zuletzt zu erinnern vermocht hatte. Der Kranke streckte sich auf dem Stuhl aus und schwieg .still. Manchmal zuckte es um seine Lippen, ein paarmal wollte er auch rufen, so wie sich die Worte des Arztes der furchtbaren Wirk­lichkeit seines Lebens immer mehr näherten. Be­stürzung, Entsetzen spiegelten sich in seinen Blicken. „Mit einem Wort,“ schrie er aufgeregt und sprang empor, „mit einem Wort, Sie wollen mich glauben machen, das da“ — und wieder zeigte er auf den Spiegel — „sei ich, das Gesicht dieses Greises sei mein Gesicht?“ In seiner Erinnerung lebte er noch als ein Mensch mit der frischen Jugendröte auf den Wan­gen, das Licht des Lebens im Auge, und seidiges, gepflegtes Haar auf dem Haupt. Mit tiefem Mitgefühl sah der Arzt ihn an, dann nickte er stumm. , . , Als glaubte er’s immer noch nicht, schüttelte der Kranke zornig abwehrend das Haupt. Zu der gleichen Zeit rührte sich aber auch der Kopf des Spiegelbildes zornig abwehrend. Entsetzlich, sprach er bei sich, und seine dürren Finger strichen über Haar und Stirn. Das gleiche tat auch das Spiegel­bild. Er führte die Handflächen an die Wangen und mit einer Berührung des Grauens fanden die Finger das dichte Bartgestrüpp. Doch, das war er, ja, er war’s dennoch. Das Spiegelbild und er waren miteinander identisch. „Sagen Sie mir.“ fragte er, „wie viele Jahre .sind seither vergangen?“ „Viele, sehr vide ... Fast zwanzig Jahre.“ „So bin ich also jetzt fünfundvierzig Jahre alt?“ „Ja, so alt sind Sie.“ Er senkte den Kopf. Mit bitterem, trüb-ironi­schem Lächeln blinkte seine Zahnreihe im Dickicht des Bartes auf: „Unfaßbar, unfaßbar ... Gestern war ich ja doch erst noch fünfundzwanzig alt. Ich weiß bestimmt, daß es gestern war. Ich erinnere mich sogar auch noch, daß neben mir ein blonder Freiwilliger... wie hieß er doch gleich? ... Schütz ... Jaja, Pista Schütz ... der griff sich plötzlich an den Kopf und stieß einen schrecklichen Schrei aus. Ich wollte zu ihm hinstürzen.. . Was weiter geschah, weiß ich nicht... War ich verwundet worden? Oder einge­schlafen? Und eben erwache ich unten im Garten, denn jemand würgt mir die Gurgel... Und Sie be­haupten, inzwischen seien zwanzig Jahre vergan­gen?... Ja, aber wieso, was ist denn unterdes ge­schehen? Ich blicke in den Spiegel und ein alter Mann blickt daraus zurück. Was ist denn das, wo bin ich zwanzig Jahre lang gewesen? Begreifen Sie das, ver­stehen Sie’s? Unfaßbar, unfaßbar, — unmöglich!“ Er schüttelte den Kopf und lachte in den Spiegel, jenem anderen Gesicht zu, das bösartig und tückisch- schadenfroh auf ihn zuriicklachte. Der Arzt hielt schon den Finger auf dem Knopfe der Notklingel und beobachtete gespannt jede Bewegung des Kranken, PREIS 16 HELLER Abonnement: Inseratenanfnahme; für Budapest: mit täglich zweimalig« hr Budapeat, in der Administration des Zustellung und für das Inland Morgen- ______ ______________________________________ ____ . __ _____ __________ Pester Lloyd und in den Annoncen­u nd Abendblatt: BWWBMBw. WWH HMOBB HHRRK ■■ RRHR udHK HHM MHilMM^ Bureausr-SalogtiSándor, J.BIockner, i.Blau, Vierteljährlich 18 1-, monatlich 6.4! P. Wv uH W IW W TBHvH HiW V HH VW WBT Boros, Braun, loset Erdős, Győri A Nagy Für das Morgenolatt allein vierteljährlich {ghl Bü Kgl M SH m HH 9 SH 9 HS] HM HS IlS fän 93a MK «M Iga Harsányt, Haasenatein & Vogler, Cornel II P, monatlich 4P. Für das Abendblatt NR H9 ^H “ B1V • “ HH H HH m RH SH HH RH ^H RH IR« Hü RH Leopold, lullus Leopold, Magy. Hirdető, allein vierteljährlich 8 p, monatlich 3 P. M Ej!SL_ $SB| , EäE_JBW »HH BSB HB BÜia tHjEglf Hl RH iroda. Kösse Rudolf A.-8., Jolius Tenser. ssssfag: rllüiIiJl LlitflII ÄiÄSÄ ■ JU wJr JL JUaV AahV dk Jft# Oesterreich und Polen 30 Pengő, für alia “S*“ 30 “ übrigen Staaten 3» Pengő. Abonnements Abendblatt 30 Gr. werden auch bei sämtlloben ausländischen Itlf A i'N TI TT Tfc T A m m B Redaktion u. Admlnlstra'len s Postämtern entgegengenommen. IWI I I K l-r rL |w| Iv I . Bk I I ES v., MÁRIA VAl.i'.KIA-L'CCA lg Nicht verlangte Manuskripte werden W Telephone : weder aufbewahrt noch zuriickgestellt, Redaktion: 848-30. Nach Kitternaeht* Briefe ohne Rückporto nichi beantwortet. . . 848—36. Administration; 849-09. 82, Jahrgang, Budapest, Freitag, 1. Februar 1935, Nr. 27

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