Pester Lloyd - reggeli kiadás, 1935. november (82. évfolyam, 250-273. szám)

1935-11-03 / 250. szám

Jenseits der Grenzen. Budapest, 2. November. (—dor.) In den letzten Wochen fanden in un­serer Hauptstadt mehrere literarische Abende statt, in denen ungarische Dichter und Schriftsteller der Slowakei und Siebenbürgens sich persönlich dem Publikum des Mutterlandes vorgestellt haben. Es war etwas Rührendes in diesen harmlosen Veranstaltun­gen: konnten doch die Mitwirkenden trotz des rein literarischen Charakters der Vorlesungen nicht wis­sen, ob ihrer nach der Heimkehr nicht tausenderlei Schikanen und Verfolgungen einer wildgewordenen Bureaukratie harren, die ihre hehrste Aufgabe in einer Politik der Nadelstiche und der kleinen Ge­meinheiten gegen das Ungartum erblickt. Es war etwas Erschütterndes, die jungen Gesichter dieser Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu sehen, ihren heiligen Emst und ihre von allem Fanatismus freie Liebe und Begeisterung für den ungarischen Geist, die ungarische Literatur, die ungarische Sprache. In einer Welt, in der das ungarische Buch die Grenze nicht passieren darf, in einer tollen Welt des neuen Mittelalters, in dean Menschen wegen ihrer Religion, ihrer Nationalität, ja, bald wegen ihrer Haut- und Haarfarbe verfolgt werden, mußten diese Schrift­steller persönlich zu uns kommen, um die lebendigen Beziehungen zwischen der. Literatur des Mutterlandes und der ungarischen Minderheiten der Nachfolge­staaten anzuknüpfen. Nicht als ob eine solche Reise so einfach wäre. Dieser Tage erst wurde eine Vor­tragsreihe des großen ungarischen Dichters Michael Babits in Siebenbürgen verboten, dieses vornehmsten, stillsten, friedlichsten der ungarischen Dichter, der sich niemals in die Niederungen chauvinistischer Hetze begeben hatte und der nur einmal den lauten Aufschrei der Menschensiele dichterisch-politisch zu formen verstand, als er gegen die brutale Unmensch­lichkeit des Krieges protestierte. Die Tatsache, »daß die rumänische Bureaukratie selbst in den Vorträgen dieses feinen und zurückhaltenden Geistes weiß Gott welche nationalen Gefahren witterte, beweist klarer, als alles andere die dunkle Unduldsamkeit und die fanatische Rachelust der jungen, hungrigen Nationa­lismen im Donaubecken. Dieser Fanatismus glaubt den kulturellen Zusammenhalt zwischen dem Ungar­tum diesseits und jenseits der Grenzen dadurch zer­stören zu können, daß er den unglückseligen rumä­nischen Dirigenten, der den Kodályschen Psalmus Hungaricus — diese prophetisch-tragische ungarische Vision — zu dirigieren wagte, in den Tod hetzt, dieser heißhungrige Chauvinismus gab auch die Pa­role des „Numerus Valachicus“ aus, er vertrieb die Ungarn Jugoslawiens aus Heim und Hof und er ist es auch, der die kulturelle Autonomie der Ungarn der Slowakei verhindert. Die Begründung ist sattsam bekannt: immer wieder beruft sich die engstirnige Bureaukratie der Nachfolgestaaten auf die ungarische Revisions­propaganda, die angeblich auch in literarischer Packung Eingang in diese Staaten finden würde, wenn die geistigen Beziehungen aufgelockert wären. Welch faule Ausreden eines nimmersatten Nationa­lismus! Was haben Bartók und Kodály, was haben Babits und Móricz, was halben die besten Geister Ungarns mit Politik zu tun, es sei denn,, daß gerade die vornehmsten Gestalten des ungarischen geistigen Lebens eine Verachtung für die kleinlichen Schliche und die gewaltsamen Streiche der Mandarine des Chauvinismus diesseits und jenseits der Grenzen be­sitzen. Die Bartók und Kodály, Babits und Ady und Móricz haben mehr für die Gemeinschaft und die Er­kenntnis nicht nur des ungarischen Volkes, sondern aller Donauvölker getan, als all die hohen Zensoren miteinander, die heute in ihren wannen Stellungen , eifrig am Werke sind, die Befriedung und die gegen­seitige Achtung der Doriauvölker zu unterbinden. Was soll die richtige ungarische Haltung gegen­über diesen empörenden Ungerechtigkeiten, diesem neuen Auflodem der Unduldsamkeit und der gewalt­samen Unterdrückung sein? Sollen wir Haß mit Haß erwidern, die Absperrung mit Retorsionen, Aug um Auge, Zahn uni Zahn? Nichts wäre falscher, nichts könnte verfehlter sein, als die jahrelange vor­laute und wirkungslos verpuffte Politik der- ge­hässigen Schlagwörter der.-' -chkriogszeit. Ungarn beginnt seine geistigA übe)legenbeit gegenüber all diesem gemeinen Getriebe in eüier viel würdigeren und ernsteren Form zu bekunden, ab durch leer-e Geiferei und Gekläff. Dieser Tage erst wurde auf wiederholtes Urgieren des Nationalen Studenten­verbandes hin ein Minderheiteninstitut im Rahmen der Peter Pázmány-Universitat errichtet, zu dessen Aufgaben kreis es gehören wird, das wissenschaft­liche Minderheitenrecht in allen Ländern, nament­lich aber das Minderheitenrecht der Nachfolge­staaten systematisch zu studieren, ferner die politi­sche, wirtschaftliche und kulturelle Lage der ungari­schen Minderheiten zu schildern, die kirchlichen Probleme zu bearbeiten, die mit der Lage der Min­derheiten Zusammenhängen, und schließlich die ethnographischen Probleme des Donautales über­haupt zu prüfen. Die Errichtung dieses Instituts ist aufs wärmste zu begrüßen, als die erste Frucht jener Neuorien­tierung der ungarischen Jugend, die von den nebli­gen Phraseologien eines utopistischen Chauvinismus sich zur wissenschaftlichen Erfassung der kulturel­len, politischen und wirtschaftlichen Lage des Un- gartuins und der Völker des Donaubeckens jenseits der Grenzen durchschlagen will. Diese Jugend ahnt schon, daß die historische Mission des Un0artums in dem Mitwirken an der Herausbildung einer ge­meinsamen übernationalen Idee für die Mehrheit der Donauvölker bestehen kann, in der Kooperation mit der Jugend aller Nachbarvölker an der Formung eines neuen Humanismus, der dieses für uns alle immer unerträglicher werdende Leben von den drohenden Gestalten des neuen Mittelalters befreit und hier eine Atmosphäre schaffen hilft, in der die friedliche Produktion, die schöpferische Geistesarbeit und der Austausch der kulturellen und geistigen Güter wieder möglich wird. Die Bureaukratie der neuen Staaten will für das Ungartum, wie für das Rumänen-, Kroaten-, Slo­waken- und Deutschtum gemeinsame Kerker errich­ten, die nur durch einen Kampf für die gemeinsame Freiheit durchbrochen werden können. Überall sind neuerdings gerade jene Elemente am Werke- gegen das Ungartum, die auch hinsichtlich der verfassungs­rechtlichen Einrichtung des eigenen Staates An­hänger der Diktatur sind. Die ungarische Jugend hat gegenüber diesen dunklen Gestalten die richtige, die europäische Parole gefunden: die des neuen Huma­nismus. Und diese Losung will keine bloße Parole blei- ben. Die ungarischen Dichter und Künstler, Wissen, »efiaftler und Schriftsteller dürfen sich in ihrer großen übernationalen Mission, den Kampf um die Gemeinschaft des Ungartums diesseits und jenseits der Grenzen mit dem für die Gemeinschaft der Donauvölker zu verbinden, nicht lahmlegen lassen durch die Nadelstiche der allmächtigen Bureau­kratie, durch Verbote und Schikanen, Verfolgungen und Retorsionen. Die Bureaukratie ist allmächtig, aber es gibt eine Gewalt, die noch mächtiger ist: das ist der Geist. Die ungarische Jugend, die sich für ihren künftigen Kampf die Waffe des Gei/stes gewählt hat, hat ihre Wahl richtig getroffen. Sie Feuilleton« Stirbt die Tugend aus? Kleines Wortgefecht in einer Bücherei. Von JULIAN WEISZ. Schauplatz: Eine reich ausgestattete Bibliothek mit wertvollen und wertlosen Büchern. Personen: Ein alter wohlhabender Hagestolz, der weder alt noch wohlhabend aussieht, und ein weniger bejahrter und weniger reicher Junggeselle, der um so älter und reicher aussehen möchte. Der Ältere (die seit geraumer Zeit währende Diskussion fortsetzend):... und doch war die dem feinen französischen Dichter Géraldy im National­theater zuteil gewordene halbe Ablehnung — eine halbe Ablehnung ist, genau genommen, eine ganze Blamage — nur zu verdient. Dem aus Bruchstücken bestehenden Stück, es geht die Liebe und 'die Heirat in Brüche und es werden im Schauspiel des franzö­sischen Dichters eigentlich bloß Stücke eines Stückes geboten, fehlt das Wichtigste, die Kraft und Tüch­tigkeit der auf die Bühne gebrachten Menschen, sich für das Edle zu entscheiden und dafür einzu­treten, kurz: die Tugend..« Der Jüngere: Um Himmels und um aller tu­gendhaften Heiligen willen, in welchem Zeitalter lebst du denn? Heutzutage für die Tugend und für die Tugend auf der Bühne zu schwärmen, am Ende gar für die Tugend der Mimen, ich will von den Schauspielerinnen angefangen bis zu den Girls hin­unter gar nicht reden, also für die Tugend zu schwärmen, daß ist arg und stark. _ Der Ältere: Ich könnte dir aus heiligen und pro­fanen Schriften, insbesondere aus den Werken der modernsten französischen Dichter Stellen. anführen, die dir den Beweis erbringen würden, daß im Lande Géraldys die Tugend hoch in Ehren gehalten wird, was sich eigentlich von selbst versteht, denn schon unser Széchenyi sagte: „Ohne Tugend gibt es keine Glückseligkeit.“ Der Jüngere, (lachend): Ob Széchenyi in der Tugend seine Glückseligkeit suchte und fand, möchte ich bezweifeln. Wenn ich gut unterrichtet bin, hat die Mutter Széclienyis ihre jungen Stuben­mädchen stets versteckt, so oft der schöne, lebens­frohe Sohn zum Besuch auf das Stammgut seiner Ahnen kam. Doch warum nicht in die Ferne schwei­fen, die heutzutage doch so naheliegt? Ich kann deinem Paul — genannt Géraldy — einen nicht min­der geschätzten Paul des französischen Schrifttums, den berühmten Paul Valéry, gegenüberstellen, zumal dieser jüngste der Unsterblichen, über den mehr Bücher geschrieben wurden, als er selbst geschrieben hat, ja der für den diesjährigen literarischen Nobel­preis kandidiert wird... Der Ältere: Und mit Fug und Recht. Valéry hat wohl bloß einige dünne Bände Lyrik veröffentlicht, aber sie enthalten alle Freude und alles Weh der Sterblichen. Wie in einem Wassertropfén und erst in einer Menschenträne kann man in seinen Gedich­ten eine ganze Welt sehen. Was macht es aus, daß er uns nur ein paar Bücher schenkte? Eine zarte Feder wiegt schwerer als ein Zentner Makulatur. Der Jüngere: Nun denn, dieser große, von dir gepriesene Dichter hat in einer der letzten Sitzungen der französischen Akademie die kennzeichnende Erklärung abgegeben: „Tugend, das Wort Tugend ist tot, oder mindestens stirbt es aus.“ Der Ältere (ergreift ein auf dem Tisch liegendes Zeitungsblatt und brummt): Hier habe ich einen Auszug aus dem .Vortrag, .der allerdings ein wenig seltsam irt .einer Gesellschaft wirkt, die alljährlich einen Tugendpreis verleiht, und diesen der un­schuldigen Rosenkönigin auch mit einer Rede huld­voll überreicht. Dennoch ist diese Rede kein Nekro­log auf die Tugend ... Der Jüngere (nimmt ihm das Blatt aus der Hand und ruft lachend aus): Mein Vater erzählte mir, daß einst in einer Sitzung des Abgeordnetenhauses der-greise Achtundvierziger Madarász — in ihm wallte noch ein bißchen heißes Blut aus der Kossuthzeit — aus einem Gesetzbuch Argumente heraus- und zusammenlas, um die damalige Liberale Partei Koloman Tissas zu bekämpfen. Der geniale Dichter Jókai, er war Mitglied der Regierungspartei und ein treuer Anhänger des Ministerpräsidenten, erhob sich, um dem oppositionellen Kämpen zu ent­gegnen, ging auf ihn zu, nahm ihm das Gesetzbuch aus der Hand mit den hübschen - Worten: „Wir duellieren mit einer einzigen Waffe.“ Dann widerlegte er die Ausführungen des Vorredners. Ich will unser kleines Wortgefecht in der Bücherei in ähnlicher Weise führen. Hier ist ein Auszug aus der Rede Valérys, des vielgefeierten Dichters .... Der Ältere: Er ist jedenfalls mehr Dichter als Soziologe, mehr Träumer als Philosoph ... Der Jüngere: Immerhin, wie du selbst betont hast, ein großer Dichter, und wie ich hinzufüge, ein in der zeitgenössischen Gesellschaft lebender Poet. Was sagt er uns, oder eigentlich dir, denn ich weiß es ohnehin. Also höre: „Man erträgt das Wort Tugend kaum noch in offiziellen Reden. Es ist gerade noch gut genug für die Bekränzung von Rosenmädchen, eine Feierlichkeit, nebenbei bemerkt, die, in den lustigen Possen der Kabaretts den herzlichsten Er­folg bat...“ Der Ältere (greift nach der. Zeitung und erwidert heftig): Du willst doch nicht glauben machen, daß Valéry die Tugend verspottet, er, der.alles Schöne und Erhabene auf Erden besang? Wohl enthält seine ein wenig lasterhafte Tugendrede die scharfe Bemerkung: „Heutzutage drucke keine Zeitung das Wort Tugend“, und, er.fügt hinzu: „oder, wip ich fürchte, in komischer Absicht.‘.‘.Doch er-setzt weiter fort: „Was man früher lobte, wagt 'sich nicht mehr zu zeigen, was man tadelte und verbarg, erscheint jetzt ganz offen in der Rede.“ Das bedeutet wohl, daß das Wort Und bloß das Wort: „Tugend“, aus der Mode gekommen ist, zum mindesten in Frank­reich, daß jedoch die Tugend seihst nicht ver­schwunden ist, beweist er selbst, indem er sie „ver­ehrungswürdig und geheiligt“ nennt. Wörter ver­SONNTAGSNUIHIMER 32 HELLER " . 1 , - , Abonnements 1 Inseratenaufnabme: Für Budapest: mit täglich zweimaliger > . I ; ■ Di Budapest, in der Administration de« Zustellung und für das Inland Morgen- Pester Lloyd und in den Annoncen­und Abendblatt: EM HS9Í Bureaus: Balogh Sándor,i.Blookner,).Blau, Vierteljährlich ISP, monatlich MO P. jttj RBg NÄ8 «Sf Tgi Hr «MH HÉ1 TW ttME ¥jm Ml HS Bf W* WH M !■ WB Boros, Braun, Josef Erdős, Győri A Nagy, Für das Morgenblatt allein vierteljährlich Mg Bgj SSä B fä g §] Hg| S3 »9 MM ESI Rj9 O fg| wR äo Sffl Harsány), Haasensteln b Vogler. Cornel IIP, monatlich 4 P. Für das Abendblatt pB fSB Kffia HS 9 Iffi gfll j§i mM WLv Ifü Bsl Leopold, Julius Leopold, Magy. hlrdetö­allein vierteljährlich 8 P, monatlich 3 P. ^SpjEfcv Effi] Saa BSgLigBF gsjg Mg $|gj WW fSgj fig§ lroda> Mosse Rudolf A'G-’ Jullu> lomor. 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Administration 840—09 82. Jahrgang. Budapest, Sonntag, 3. November 1935. Nr. 250

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