Pester Lloyd - reggeli kiadás, 1937. október (84. évfolyam, 223-248. szám)

1937-10-01 / 223. szám

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Trotzdem blicken sie heute den kommenden Dingen mit einer selbstverständlichen Zuversicht entgegen, als wären Zweifel und Befürchtungen nur böse Träume, die man los ist in dem Augenblick, als man nicht mehr an sie denkt. Das gilt in erster Reibe für die politische Stim­mung in diesem Land?, die man kennen muß, um die Äußerungen seiner führenden Staatsmänner rich­tig zu verstehen. „Stimmung“ will hier nicht die Ge­mütszustände der Straße bedeuten, die heute viel zu beschäftigt ist mit anderen Dingen, um politisch interessiert zu sein, sondern vielmehr die unaus­gesprochenen Voraussetzungen des Denkens und Handelns der Leute, die mit Politik zu tun haben, der Presse, der hohen Beamtensohicbt, der Intellek­tuellen, der Wirtschaftsführer- Und diese Stimmung ist heute entschieden optimistisch. Es gibt viele stö­rende Momente in der Welt, von denen sich Eng­lands denkende Köpfe unbedingt Rechenschaft ab­iogén müssen, wenn sie die Situation auf dem Kon­tinent ins Auge fassen; sie blicken diesen Schwierig­keiten ins Auge, wägen ihre möglichen Folgen nach allen Seiten hím ab und ziehen ihre unappellierbare Schlußfolgerung: Es wird nichts passieren. * .... .* * Es ist nicht Denkfaulheit oder Apathie, was die meisten englischen Gedankengänge heute, inmitten einer von Zweifeln und Ängsten durchwühlten Weit, in diesen ruhigen Satz münden läßt. Eher liegt ein Bewußtsein der eigenen Kraft darin: England erlebt heute eine Periode des unverkennbaren Aufstiegs, im Innern herrscht Prosperität, und nach außen hin ist das Ansehen der britischen Macht im Wachsen be­griffen. Die Aufrüstung hat vom englischen Volke große Opfer gefordert, aber die Opfer lösten keine politische Unzufriedenheit aus. Was die Labour- Opposition an der Politik der Regierung bemängelt, ist nicht das Maß der Rüstungen, sondern vielmehr die Mäßigung, mit der diese neu erworbenen Macht­mittel der Welt gegenüber gehandhabt werden. Es gab noch selten englische Regierungen, die eine so große Handlungsfreiheit besaßen wie die jetzige. Die Stimmungsfarbe des heutigen politischen Denkens in England wird in erster Reihe durch diese günstige Lage bestimmt. England ist mächtig, und seine Re­gierung wird durch keine Querströmungen der inne­ren Politik an der Durchführung eines geradlinigen Programms gehindert. Daß gerade diese Lage Eng­land eine immer schwerere Verantwortung in euro­päischen Dingen aufbiirdet, wird als selbstverständ­lich hingenommen. Die Politik der Isolierung emp­findet man allgemein als eine Politik der Schwäche, und man ist froh, über das Stadium hinaus zu sein, in der sie noch möglich erschien. Selbst die Beaver­brook-Presse nimmt ständig zu den europäischen Dingen Stellung, um dann mit einem logischen Sprung doch der Idee der splendid isolation einen ziemlich matten Lippendienst zu erweisen: die Idee der Isolierung ist tot, England weiß, daß es sich vom Kontinent nicht abriegeln kann, daß die Probleme des Kontinents auch Probleme Englands sind, und daß es das geringere Risiko ist, diesen Problemen gegenüber eine eigene, aktiv vertretene Politik zu haben. * * * Worin besteht diese Politik? Man begreift sie nicht, wenn man sie auf Grund von Sympathien und j Antipathien beurteilen will. Die englische Politik ist nicht „antideutsch“ oder „antiitalienisch“, und wenn sie entschieden „profranzösisch“ ist, so hat auch dies nichts mit Sympathien zu tun. Aber es wäre auch ver­fehlt, sie vom reinen und momentanen Interessen­standpunkt her detiten zu wollen. So stark auch das Moment der Verteidigung des Empire hei der Auf­stellung und Durchführung des Aufrüstungspro­gramms in die Waagschale fiel, so kann man eng­lische Entscheidungen doch nicht richtig verstehen, wenn man hinter ihnen Triebfedern des imperialen Interesses ausfindig maciién will. Natürlich will Eng­land, wie jede Macht, ihre Interessen wahren und sich gegen von außen her drohende Gefahren schützen. Aber heute wissen bereits die führenden Köpfe der englischen Politik, daß es einfach nicht möglich ist, eine rein egozentrische Politik zu machen, die alle auswärtigen Ereignisse nur vom Gesichts­punkte der Empireinterssen auffaßt und beantwortet. Diese Interessen sind viel zu komplex, sie sind mit einem ganzen weltumspannenden Kräftesystem viel zu Intim verwoben, um isoliert, im Lichte des Augen­blicks behandelt zu werden. England muß immer aufs Ganze achten: es muß eine aktive Politik haben, die immer und überall eingreift, wo irgendeine Kraft in das Gewebe der Interessen und Entwicklungs­richtungen eingreift. Kurz gesagt: England muß Prinzipien haben. Die englische Politik kann nicht „von der Hand in den Mund“ leben. Und die neuesten Entscheidungen der englischen Politik, selbst die zentrale Tatsache, die Aufrüstung, waren die Folgen prinzipieller Er­wägungen. Der leitende Grundsatz der englischen Politik ist heute: England muß in jeder Lage dafür eintreten, daß die Fragen des internationalen Lebens durch Mittel des Rechts und nicht durch Mittel der Gewalt gelöst werden. Die Paradoxie ist klar: im internationalen Lehen wird für den einen oft als Gewalt erscheinen, was für den anderen Recht ist. Die Engländer sind sich dieser Schwierigkeit bewußt, und wollen daher ihren RechtsbegrifT von Elementen der Gewalt so weit freimachen, ihn so weit aus freier und friedlicher Verständigung hervorgehen lassen, wie es eben möglich ist. Aber an diesem Rechts - begriiT halten sie fest und erblicken dessen beste, heute verfügbare Annäherung im Völkerbund. * * * • ‘ 4 Diese prinzipielle Einstellung erklärt Englands neueste Stellungnahmen zu kontinentalen Fragen. Es geiigt niicht, zu sagen, daß England „den Frieden erhalten will“, obwohl das tatsächlich zutrifft; denn was geschieht, wenn andere ihn nicht erhalten wol­len? Es war für England eine schwere Frage, die vollendete Tatsache in Abessinien hinzunihmen, und zwar aus einem prinzipiellen Grunde: nicht Abes­sinien selbst war wichtig, sondern der Grundsatz, daß Veränderungen im internationalen Leben einem Schema der Rechtmäßigkeit zu folgen haben. Jetzt empfindet man in London die spanische Frage als die akuteste (denn der Ferne Osten ist so weit, daß man dort von vornherein darauf verzichten muß, einen europäischen Rechtsstandard anzuwienden); in Spanien und im Mittelmeer aber muß dafür gesorgt werden, daß alles auf rechtmäßige Weise geregelt werde. Nachdem einmal die Rechtshasis der Nicht­einmischung gefunden wurde, lag für England alles daran, dafür zu sorgen, daß sie nicht zertrümmert wird. Und wenn eine englisch-italienische Einigung dies zuwegebringt, dann ist England zufrieden, selbst wenn es gleichzeitig in Abessinien eine Tatsache hinnehmen muß, die durch Waffengewalt geschaffen wurde. Denn italien könnte im Mittelmeer tatsäch­liche Garantien dafür geben, daß dort die Normen des Rechts und der friedlichen Einigung gewahrt bleiben. Die Engländer sind der Ansicht, daß es einer festen. Zusammenarbeit Londons mit Paris und mit den kleineren Genfer Mächten gelingen kann, dieses Ergebnis herbeizuführen. Natürlich haben sie auch bis jetzt alles daran gesetzt, die Politik der Achse Berlin—Rom überflüssig zu machen: sie erblickten darin ein unheilverk änderndes Symptom, ein Zei­chen dafür, daß der Kontinent im Begriffe ist, in feindlichen Fronten zu erstarren. Wenn sie nun die Feuilleton. Die Hetzjagd. Von ANDOR NÉMETH. Ladányi sprang auf die Elektrische, vom Tritt­brett rief er zurück: „Nachmittag um fünf ist der Alte im Bureau“ — und Rosner blieb allein im spär­lich sickernden Regen. Dann begann sich das Wetter aufzuheitern, und auf beiden Häuserreihen des Leopoldrings strahlte allmählich das Sonnengold auf. Und Rosner ging; ging fast wie berauscht in dem tanzenden Frühlingswind, und um seine schmalen Lippen spielte ein schüchternes Lächeln. — Also vielleicht doch, stieg es in seinem ausge­trockneten, aber noch immer gläubigen und Wünsche hegenden Herzen auf, — also vielleicht doch. All­mächtiger Gott, wenn es gelänge! Dreihundert Pengő Monatsgehalt! Gottes Augenblitz schlug gegen den schmutzigen Vorhang der Wolken, und unhörbar für menschliche Ohren sangen pausbäckige Engel in den apfelduften­den Tiefen des Raumes. Der Herr in seiner großen Barmherzigkeit war — also doch — so gnadenreich gewesen, herabzublicken auf diese winzige Erde, wo solche Menschen wie er flügellahm und hilflos durch die Straßen gehen. Die Hand des Herrn war hier am Werk — jubelte Rosner — er war es, der die furcht­bare Mauer durchbrochen, der das kleine Tor aufge­tan hat, durch das ich loskomme von der Straße, und sehr bescheiden und voll Eifer werde ich mich an einen Schreibtisch der Warenverkehrsgesellschaft setzen können. Hosianna dem Herrn, Hosianna! — rief er halblaut, schüttelte aber dann gleich mißbilligend den Kopf, denn die Pässanten wundern sich weniger, wenn sich jemand allein ärgert, als wenn er jubelt. Bei glücklichen Sehicksalswendungen vertraute Rosner mit unerschütterlichem Kinderglauben dem lieben Gott. Gewiß, es war ja klar: aus eigener Kraft Ihätte er dem Weltlauf niemals eine für sich günstige Drehung zu geben vermocht: die Einrichtungen, von denen die Menschen lebten, sie ratterten zwei Schritte weit von ihm ihren gleichmäßigen, lebens­längliche Versorgung bietenden Lauf, er aber spürte nur den Wind des Triebwerkes auf seinem Gesicht, hörte nur die Worte, die die Menschen, von der Bureauarbeit kommend, miteinander tauschten, auf der Elektrischen, vor den Toren: Guten Abend, Herr Holzlager! Haben Sie heute einen starken Tag ge­habt? Natürlich, nach dem Urlaub häufen sich die Akten an? Oh, ich nehme meinen Urlaub erst im September. Werde eine kleine Kur in Gastein machen... Nein, hei Rosner häufte sich die Arbeit nicht an, er konnte sich nicht auf den zwei-, drei­wöchigen Urlaub freuen, ihn hatte die große Ma­schine schon lange aus sich hinausgeschleudert, schon sehr lange, vor zwei oder drei Jahren, er erinnerte sidh nicht mehr bestimmt daran. Er wußte nur das eine, daß es schrecklich war, mit aufgesperr­tem Schnabel auf die tägliche Atzung zu lauern, denn der Mensch beginnt dann gefährlich an seiner Daseinsberechtigung zu zweifeln, und wer weiß, welch tiefe und grauenhafte Abgründe sich vor ihm auftäten, lebte nicht unter all den Verzweiflungs- gedanken eine kleine, aber unverlöschliche Hoff­nung, daß es irgendwo oben, unten, draußen, drin­nen, irgendwo, weit jenseits der bekannten Dinge einen Gott gehe, der uns warten läßt, dann aber seine Hand nach uns ausstreckt, und den, der an ihn glaubt und treu ausharrt, belohnt. Wessen Verdienst wäre es denn sonst, wenn nicht Gottes? Was hat denn er, Rosner, dazu getan, daß dieser Ladányi gekommen war und ihn auf die freie Stelle bei der Warenverkehrsgesellschaft auf­merksam gemacht hatte? Und gerade dort, wo man ihn kannte und eine gute Meinung von ihm hattet Bei der ersten Gelegenheit, wie sich eine Möglichkeit bietet, lieber Herr Rosner, — hatte ihm vor einem halben Jahr der Abteilungschef selbst gesagt. Und nun, da die Situation ganz hoffnungslos schien — einen einzigen Pengő hatte er für die nächsten fünf Tage in der Tasdhe — (weiter pflegte er nicht für die Zukunft vorzusorgen), nun beruft der Herr den alten Winkler zu sich, dessen Stelle dadurch1 frei geworden ist. Nachmittags um fünf wird der, Alte im Bureau sein, — hatte Ladányi gesagt. Ros- ners Augen wurden von Trauer umflort. Wie habe ich ihn verkannt! Hat er doch an mich gedacht und mich gefunden in dieser Weltstadt, im richtigen Augenblick bin ich ihm begegnet, durch den Willen des Herrn. Denn er war offenbar nur ein Werkzeug in der Hand des Herrn, der Herr wollte es, daß er mir begegne. Aber dennoch werde ich ihm ewig dankbar sein, und wenn ich die Stelle erlange, werde ich ihn jeden, Sonntag zum Mittagessen einladen, der Arme, er verträgt die Gasthauskost nicht. Jetzt mußte man also nur die Stunde ahwarten. Die Unruhe kribbelte in seinen Nerven, umsonst, —- vor fünf Uhr konnte er nichts tun. Um halb eins hatte er die Nachricht empfangen und jetzt war es nur halb drei, und er hatte in dem kleinen Kaffee­haus, wo er sein Mittagessen zu nehmen pflegte, schon sämtliche Zeilungen ausgelesen. Die Hoffnung

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