Pester Lloyd - reggeli kiadás, 1930. július (77. évfolyam, 146-172. szám)

1930-07-01 / 146. szám

PESTER LLOYD • 2 • Dienstag, 1. Juli 1930 an deren Beseitigung nicht zu denken ist, solange an der Kleinen Entente festgehalten wird. Die Idee einer wirtschaftlichen Kleinen Entente, von der seit einigen Jahren auf jeder Konferenz der Kleinen Entente so viel gesprochen wird und die auch jüngst in diesen Blättern von kompetenter Seite erörtert ■wurde, weist darauf hin, daß man wirtschaftliche Verbindungen in Mitteleuropa auch im Kreise der Nachbarn Ungarns für notwendig hält. Es ist aber kaum denkbar — und auch die bisherigen Ver­handlungen über diese Idee haben es bewiesen —, daß sich ein solches Wirtschaftsbündnis zwischen den zur Kleinen Entente gehörigen Staaten ab­schließen lassen werde. Die geographischen Ver­hältnisse sind nun einmal so geartet, daß die zur Kleinen Entente gehörigen Staaten sozusagen nur an ihren Seitenfronten miteinander Zusammenhän­gen, während sie an der Hauptfront voneinander getrennt, und zwar durch Ungarn getrennt sind. ’Das ist nicht etwa ein geographischer Zufall, diese Lage ergibt sich vielmehr logischerweise aus dem Umstand, daß die Kleine Entente eben ein Ein­kreisungsbündnis gegen Ungarn ist und von allem Anfang an als solches gedacht war. Der kürzeste Weg aus dem einen Staat der Kleinen Entente in den anderen wird, wenn man von einzelnen Grenz­bezirken absieht, immer über Ungarn führen. Es ist aber unmöglich, daß es zu einem Wirtschafts­bündnis zwischen Ungarn und den Staaten der Kleinen Entente kommen kann, solange die Tat­sache eines gegen Ungarn gerichteten politischen Bündnisses der Kleinen Entente besteht. Auch in dieser Hinsicht bildet also die Kleine Entente das stärkste Hindernis für die Verwirklichung der auf eine europäische Zusammenarbeit und Versöhnung gerichteten Bestrebungen. Wir wiederholen, es hat Fälle gegeben, in denen sich frühere Gegner zusammenfanden, in denen sie sogar zu Verbündeten wurden. Aber in allen diesen Fällen wurde vorher ein Ausgleich bezüglich der einer Versöhnung im Wege stehenden Gegensätze vorgenommen. Auch zwischen Ungarn und der Klei­nen Entente ist, so scharf auch die Gegensätze seien, die Zwischen ihnen bestehen, eine gewisse Annähe­rung jedenfalls denkbar. Aber zu einer solchen führt kein anderer Weg als jener, der in einer freund­schaftlichen Verständigung über die Ungarn und die Kleine Entente voneinander trennenden Streitfragen liegt. Wenn die Kleine Entente erwartet — und meh­rere Äußerungen, besonders des tschecho-slowaki- schen Ministers Herrn Benes, scheinen auf diese Auf­fassung hinzudeuten —, daß ohne eine solche Ver­ständigung Ungarn für irgendeine Annäherung an die ihm heute gegnerisch gegenüberstehende Staa­tengruppe früher oder später dennoch zu haben sein ■werde, dann erhofft sie etwas, wofür es im Laufe der politischen und diplomatischen Geschichte der jüng­sten Zeit kaum ein Beispiel gegeben hat. Eine gewisse Besserung des Verhältnisses zwischen Ungarn und den Staaten der Kleinen Entente mag als Folge der Pariser Abmachungen in der nächsten Zeit möglich sein, es werden ihm aber immer enge Grenzen ge­zogen bleiben, solange der heutige Zustand besteht und Mitteleuropa durch die bloße Existenz der Klei­nen Entente in zwei feindliche Gruppen geteilt er­scheint. _____ K önigin auf dem Opernball erblickte, entschlüpfte ihr der Ruf: „Ah, da ist ja ein alter Bekannter!“, was auf die Waage der höfischen Eifersucht gelegt, schon schwer gewogen hätte, wäre sie nicht nahezu eine Stunde lang am Arm des „alten Bekannten“ durch den Saal spaziert... Mit diesem Wiedersehen und diesem Tanz war das Schicksal des Grafen Fersen besiegelt, erst drei­undzwanzig Jahre alt, verfiel er ahnungslos seiner Bestimmung, in der blutigen Tragödie Marie Antoi­nettes eine Rolle zu spielen, die auch sein Leben überschatten sollte, — bis ans Ende. Fast scheint es, als warnte ihn eine innere Ahnung, die ewigen Sticheleien und Intrigen werden ihm rasch lästig, er zittert um den Ruf seiner Dame, fürchtet mehr für sie als für sich die Folgen der täglich engeren Intimität, und die ritterliche Besorgnis hilft ihm den schweren Entschluß zu fassen: er will fort! Daß ihm der Abschied nicht leicht fällt, beich­tet er mit vorsichtigen Anspielungen der Schwester, als er ihr aus Le Havre Lebewohl sagt, in dem Glau­ben, bald pach Amerika abzusegeln. Aber noch deut­licher als die vertrauliche Korrespondenz zwischen den Geschwistern, spricht der amtliche Bericht des schwedischen Gesandten: „Graf Fersen hat sich als Offizier für den Krieg in Amerika verpflichtet. Er ist so den vielfachen Gefahren seiner schwierigen Lage entronnen, mich wundert nur, daß er die Kraft fand, die Versuchung zu überwinden. Wenige junge Leute seines Alters hätten in der gleichen Lage die Charakterstärke gehabt, sich loszureißen.“ „Charakterstärke?“ — So zerschlägt sich das eingefangene Tier an den Stäben seines Käfigs, — jeder Befreiungsversuch ist nur eine Herausforde­rung des Schicksals, es zieht das Netz noch enger zu, zeigt es dem armen Axel Fersen erst recht, daß es keinen Willen gibt wider die Bestimmung. Zu­rück mit dem Flüchtling nach Paris! Die Expedition wird abgeblasen, von der gewaltsamen Trennung aufgepeitscht, bricht die Leidenschaft alle Dämme, die „Charakterstärke“ ist aufgebraucht, das Glück des unverhofften Wiedersehens spielt den Galeotto,----------selbst die royalistischen Geschichtschreiber d er Restauration gestehen, daß in dieser Periode Das Rheinland íréi! Von Dr. EDGAR STERN-RUBARTH (Berlin). Es ist kein Freudentaumel, mit dem das deutsche Volk die endgültige Befreiung des Rhein­landes von fremder Besatzung begrüßt. Zu lang und zu schwer ist um dieses Ergebnis einer Politik gerungen worden, die unter verschiedenen Bezeich­nungen im Grunde schon bald nach dem Kriege einsetzte, aber erst durch das entschlossene und zielbewußte Vorgehen und durch die politische Ce- wichisverschiebung der Initiative in seine Gruppe, wie sie Dr. Stresemann 1923 eingeleitet hat, einer allmählichen Verwirklichung entgegengeführt wurde. Zu lange und zu schwer, als daß die Empfindungen heute anders als in tiefem und ernstem Gedenken der gebrachten Opfer und der übernommenen Ver­pflichtungen, aber freilich auch in der reinen Freude über das zurückgewonnene köstlichste Gut eines Volkes, die Freiheit, Ausdruck finden könnten. Es ist also ein Tag der Einkehr und der Rückschau. Das menschliche und das politische Temperament des Volkes wie des Individuums offenbart sich aber an bestimmten Stichtagen durch die Art, wie das Fazit gezogen wird. Die einen begnügen sich mit dem Abschluß einer Bilanz, bei der sie je nach optimistischer oder pessimistischer Veranlagung mehr die Aktiv- oder die Passivseite hervorheben; die anderen stellen ein Budget, einen Plan für die Zukunft auf; aber es ist verhältnismäßig selten, daß beides zusammen und im richtigen Verhältnis zueinander geschieht, — daß man die Lehren der Vergangenheit unmittelbar dazu benützt, um für die Zukunft eine bessere Entwicklung vorzubereiten und ohne unnötige Klagen, aber auch ohne Über­gehung begangener Fehler sich die neuen Ziele Steckt. Wir stehen an einem solchen Stichtag; die endgültige Rheinlandräumung, das Zeichen, das uns die Befreiungsglocken in der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli erklingen lassen, bekunden den Abschluß einer ganzen Geschichtsperiode. Viel­leicht noch nicht der völligen Kriegsliquidation, wie sie im September 1928 als das Ziel der jüngsten Ver­einbarungen proklamiert wurde, aber doch der „Erfüllung der Erfüllungspolitik“. Und zugleich ihrer Rechtfertigung. Das Lebenswerk Dr. Strese- manns, dessen Vollendung er nicht mehr mit eige­nen Augen erschauen durfte, rundet sich an diesem Tage ab, und so viel der Wünsche noch unerfüllt sind, ist der Hauptwunsch, die Befreiung des deut­schen Gebietes, die Wiederherstellung der vollen Souveränität endgültig und unwiderruflich erreicht. Der Preis war teuer. Ungeheure Opfer an Menschen­leben, Freiheit und Gesundheit, an Geld und Gut und an unfruchtbar aufgewendeten Mühen sind zu verzeichnen, die bei etwas größerer Einsicht unserer Gegner sich hätten ersparen oder auf eine raschere und beiden Teilen nützlichere Annäherung der ehe­maligen Gegner hätten verwenden lassen können. Und noch immer fehlt völlig das Ergebnis der Parallelaktion, die Befestigung des Vertrauens der Völker zueinander und zu ihrem guten Willen, die in richtiger Erkenntnis schon in Versailles durch die noch immer unerfüllte Verpflichtung zur allgemeinen Abrüstung aufgestellt wurde. * . die Königin nicht genügend um ihren Ruf besorgt war, reichlich Stoff zu bösartigem Gemunkel lieferte. Es genügte ihr nicht mehr, den „Freund“ mit persön­lichen Gunstbezeigungen zu überhäufen, sie erzwang die Ernennung des fünfundzwanzigjährigen Aus­länders zum Obersten in der französischen Armee, und trieb es so weit, daß der besorgte Fersen sich noch einmal zum Onfer bringen mußte, um die Leicht­sinnige gegen ihre eigene Unbeherrschtheit zu schützen. In seiner neuen Eigenschaft als französi­scher Oberst ließ er sich dem Stab des Grafen Rochambeau zuteilen, diesmal fuhr er auch wirk­lich ab, hauste zwei Jahre lang wie ein Wilder in den Urwäldern der Neuen Welt, berichtete mit me­lancholischer Entsagung dem Vater: „Die meisten Kameraden, wie der französische Adel schon mal ist, gehen auf Urlaub für die Dauer der Winterquartiere, weil sie es nicht länger ohne Frauen und Theater und Paris aushalten. Die hohen Kosten der Überfahrt müssen sie natürlich selbst tragen. Ich denke nicht an solche Verschwendung.“ Wirklich nicht? ... Wäre er ganz aufrichtig ge­wesen, er hätte gestehen müssen, daß er sich fürchte vor Paris, darum ersuchte er im vorhinein um die väterliche Erlaubnis, nach Kriegsschluß an seine Verehelichung zu denken, vielleicht mit der einzigen Tochter eines sehr reichen Pariser Bankiers (des späteren Finanzministers Necker), der man allge­mein die besten Eigenschaften nachrühme. „Auch der Baron Staél von unserer Gesandt­schaft bewirbt sich um sie, hat aber einen Korb be­kommen. Die Familie ist protestantisch und wohl angesehen, wünschen Sie, daß ich mich versuche, wenn Staél ganz ausgeschieden ist? Ausstechen möchte ich ihn auf keinen Fall!“ ... Wer merkt nicht hinter der Rücksicht auf den Mitbewerber die Hoffnung auf Mißerfolg? Als könn­ten derlei selbstkonstruierte Hindernisse, nur erklü­gelt, das Gewissen zu beschwichtigen, die Kraft zu einem Widerstande wecken, der nicht im Herzen ist! ... Wäre auch Fräulein Necker nicht die berühmte Frau von Staél geworden, das Wiedersehen mit der Statt dessen erleben wir — und hier beginnt der Ausblick in die nächste Periode — das Entstehen neuer. Spannungen, wie die italienisch-französische, wesentlich hervorgerufen durch das Versagen der Abrüstungsaklion, wenn auch begünstigt durch den Geltungsanspruch und das Lebensbedürfnis eines erstarkten, erneuten und von einer genialen und autoritären Persönlichkeit geleiteten Italiens. Auf der anderen Seite, und nicht ganz unabhängig von dieser spezifischen Entwicklung an einer Stelle Europas, sehen wir die Vereinheitlichungsbestrebun­gen nach dem Tode Dr. Stresemanns jetzt unter Führung des französischen Außenministers Briand Gestalt annehmen. Eine Gestalt freilich, die zunächst unseren eigenen Idealen nicht zu entsprechen scheint, nicht auf die völlige Gleichberechtigung und Ausbalanzierung der einzelnationalen Interessen ab­gestellt, sondern dem französischen Übergewicht, dem französischen Streben nach Selbstbehauptung gegenüber andrängenden neuen Kräften dienstbar gemacht. Daß solche Haupt- oder Nebentendenzen allgemein erkannt werden, dürfte sich in den Ant­worten der 27 mit dem Briand-Memorandum konsultierten Mächte zeigen, und, so darf man hoffen, zu einer Zurückführung des Planes auf seine eigentliche und ursprüngliche Aufgabe einer wirt­schaftlichen Vereinheitlichung Europas zum gleichen Vorteil aller Völker Gelegenheit geben. Ein bestimm­tes französisches Interesse wird vielleicht die Ent­wicklung begünstigen: die Besorgnis um die welt­wirtschaftliche Stellung, die durch eine außerordent­lich einseitige protektionistische Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten in den Luxusindustrien Frankreich^ mehr noch als irgendwo anders her­vorgerufen hvorden ist. Deshalb wird man sich davor hüten müssen, daß die Europa-Bewegung eine falsche Front bekommt, statt einer Rationalisierung und Arbeitsteilung, statt einer Ausweitung der europäischen Märkte im Innern eine protek­tionistische Abwehrfront gegen Amerika bildet, das gerade auf dem umgekehrten Wege, nämlich durch die Erkenntnis der Vorteile eines ausgeweiteten, auf- nahme- und zahlungsfähigen europäischen Marktes, durch das Erstehen eines gleichwertigen Vertrags- komparenten eher auf irgendeinem anderen Wege zu wirtschaftspolitischen Konzessionen einverständ­licher Art geführt werden kann. Diese Fragen sind zum Teil gemeint, wenn Reichsaußenminister Dr. Gurtius in seinem großen Referat zur auswärtigen Politik von den neuen Auf­gaben seines Amtes spricht. Dieses wird zunächst die Antwort aufzustellen haben, die Briand auf sein Memorandum erhält. Und man darf sich nicht wun­dern, wenn die Stimmen, die im Reichstag zu diesem Thema laut geworden sind, einen etwas ablehnen­den, mindestens skeptischen Charakter trugen. Die Formulierung dieses Memorandums war nicht nur kompliziert — sie war auch in manchen Punkten direkt unglücklich, denn sie mußte den Eindruck erwecken, daß hier auf neuen Wegen in erster Linie die alten machtpolitischen Ziele Frankreichs ver­treten und der Grundgedanke der ursprünglichen Briandschen Proklamation, der Zollunionsgedanke, sogar verworfen werde. Daß das nicht die eigent­liche Absicht war, und daß Briand auch die Formel Königin hätte doch alle guten Vorsätze fortgespült. Kaum in Paris'angekommen, wollte der „sehr gehor­same Sohn“ auf einmal nicht mehr gehorchen, der ungerechte Vorwurf des Vaters, er „denke nur an sein Vergnügen“, ließ ihn eben so unberührt, wie alles Bitten und Drohen, bedenkenlos opferte er einen Teil seines Erbes, um als Inhaber eines französischen Regiments in der Nähe Marie Antoinettes zu dienen. Und damit hatte ihn das Schicksal dort, wo es ihn haben wollte. Da er sich endlich am Ziele seiner Wünsche wähnte, begann die Tragödie, der ver* zweifelte, aussichtslose Kampf um das geliebte Haupt, das kein Heldenmut und keine Hingabe der Guillotine entreißen konnte. Wie er, als Kutscher verkleidet, die ganze königliche Familie aus dem Herzen von Paris bis an die offene Landstraße fuhr, ist aus der Geschichte bekannt. Wären die Flüchten­den in der Stadt schon aufgehalten worden, der falsche Kutscher hätte die Entdeckung nicht über­lebt, die wütende Menge hätte ihn gelyncht, wie es zwei Jahrzehnte später sein Schicksal werden sollte. Vorher aber mußte er Schritt um Schritt das Heranrücken der Katastrophe miterleben, sich selbst und alles, was er besaß, wiederholt an die Rettung wagen, um zuletzt aus der Ferne ohnmächtig die Minuten zu zählen, in einer fremden, vergnügten Stadt, mitten im sorglosen Treiben, während in seinem Ohr das dumpfe Aufschlagen des Beiles dröhnte, und das Rauschen des Blutes aus dem ent­seelten Leib! — *-----­N icht auf dem Platze der Revolution, in Stock­holm, von den eigenen Landsleuten wurde Graf Axel Fersen in Stücke gerissen, nach dem Begräbnis des Kronprinzen Karl August, den er vergiftet haben sollte. Dasselbe Gebrüll, das johlend den abge­schlagenen Kopf Marie Antoinettes gegrüßt hatte, umkreischte seinen Todeskampf, unschuldig an dem Morde, der ihm nachgesagt wurde, sahen seine brechenden Augen vielleicht das nächtliche Paris, und er zitterte im Sterben noch um die Tote, ver­wirrt von der Erinnerung an die gefährliche Fahrt mit dem flüchtenden Königspaar im Wagen.

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