Pester Lloyd - reggeli kiadás, 1930. augusztus (77. évfolyam, 173-197. szám)

1930-08-01 / 173. szám

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Nagy, Haasonsteln & Vogler, Ludwig Hegyi, Simon Klein, Comel Leopold, Julius Leopold, Magy. hirdötő-iroda, Rudolf Moose A.-G., Jos. Schwarz, Sikray, Ju­lius Tenzer. Generalvertretung des Pester Lloyd für Oesterreich: RI. Dukes Nachf. A.-G., Wien, Wollzeile 16. Einzelnummer für Budapest und für die Provinz: Morgenblatt an Wochentagen 16 Heller, an Sonntagen 32 Heller, Abendblatt 16 Heller. — Für Oesterreich: Morgenblatt an Wochentagen 30 Gr., an Sonntagen 40 Gr. und Abendblatt 30 Gr. Redaktion u.Adm. :V., Mária Valéria-uocal2- Telephon der Administration: 849-09 Budapest, Freitag1, 1. August 1930, Nr. 173 77. Jahrgang. Britische Sorgen. Budapest} 31. Juli. (D. K.) Mit melancholischem Rückblick und schmerzlichen Reflexionen begrüßte manche Feder in England die Zentenarfeier der Julirevolution in •Frankreich. In der Tat, das Jahrhundert, das seit der Vertreibung der Bourbonen und der Thron­besteigung des Sohnes von Philippe Égalité ver­strichen ist, brachte manche Stürme über Frank­reich, viele Erschütterungen und Erniedrigungen; :am Ende des Jahrhunderts schwang sich aber das •französische Volk über die Hekatomben des Welt­krieges an die Spitze der europäischen Welt, im Be­sitze einer Machtfülle, die manchen brüchig erschei­nen mag, die aber dennoch ein entscheidender Faktor der Weltpolitik und der Weltwirtschaft ist. Dieselben hundert Jahre, die seit der Julirevolution verflossen sind, waren aber auch Zeugen eines bei­spiellosen historischen Aufstieges, des endgültigen •Aufbaus des britischen Weltreichs und der unbe­strittenen Vorherrschaft des englischen Volkes zur See, der Entfaltung einer großartigen Energie, die, alle Hindernisse überwindend, die blaurote Flagge siegreich an allen wichtigen Punkten der Erde auf­pflanzte. Die großartige Entwicklung beider Völker diesseits und jenseits des Ärmelkanals schöpfte aus dergleichen Quelle, dem revolutionären Elan der Julirevolution, die in Frankreich den endgültigen Sieg des dritten Standes brachte und auch in Eng­land den altfeudalen Torytraditionen den Todes­stoß versetzte. Zwei Jahre nach den Julitagen wurde die heiß umstrittene Reformbill in England zum Gesetz erhoben und damit der demokratischen Entwicklung der Weg geöffnet. Während aber der strenge Rationalismus der französischen Rasse, ihr harter Wirklichkeitssinn, im engen Rahmen des kontinentalen Staates, später im weitausgreifenden Kolonialreich ihre Vorherrschaft zu wahren und innerhalb der festgefügten Grenzen ein gesundes Gleichgewicht der einander bekämpfenden wirt­schaftlichen Kräfte aufzurichten vermochte, scheint dieses Gleichgewicht im britischen Weltreiche ernst­lich gefährdet zu sein. An allen Punkten des großen Imperiums schießen immer wieder böse Stichflam­men empor, die sich oft, wie in Indien, zu einem gefährlichen Brande auszubreiten drohen. Diese Krise des britischen Weltreiches hat einen dreifachen Aspekt. Der erste ist der rein politische, die Krise der machtpolitischen Beziehungen zwi­schen dem Mutterlande und den seinem Machtwillen bisher bedingungslos unterworfenen überseeischen *—1 ’ ' ------- * 1 "■...................- ............................ ............... ...........­L ändern und Völkerschaften^ Der zweite Aspekt ist der politisch-wirtschaftliche/ die Krise der wirt­schaftspolitischen Beziehungen zwischen deni Mutter­lande und den Dominien und Kolonien. -Der dritte Aspekt ist der rein wirtschaftliche, die Krise der Verschiebung in der inneren Wirtschaftsstruktur des Mutterlandes. Seit dem Zusammenbruche des römi­schen Reiches lastete auf keinem Staate der Welt ein Krisenkomplex von so gewaltiger Ausdehnung; kein Wunder, daß nicht einmal die sprichwörtliche staatsmännische Kunst des Engländers sie zu meistern vermochte. Indessen zeigt der Engländer nur in schicksalsschweren Augenblicken seine volle Kraft, und es scheint, daß in den kommenden Mo­naten ernste und energische Versuche folgen wer­den, um den richtigen Ausweg aus dieser düster an­mutenden Lage zu linden. Zwéi Probleme stehen im Mittelpunkte der politischen Diskussion in England: das macht­politische Problem in Indien und das Problem der Arbeitslosigkeit im Mutterlande. Beide Probleme sind von entscheidender Bedeutung, von der Lösung beider Komplexe hängt die künftige Entwicklung des Reiches ab. Die Lage in Indien zeigt seit Mo­naten ein unverändert schlimmes Bild. Die passive Resistenz der nationalistischen Massen hält trotz der scharfen Vergeltungsmaßregeln der indischen Regie­rung noch immer an, Gandhi und sein Stab sitzen noch immer im Gefängnis, und nach wie vor trüb sind sie Aussichten für die in einigen Monaten zu­sammentretende verfassungsgebende Konferenz für Indien. Den Kampf gegen die passive Resistenz monatelang weiterzuführen, würde aber der briti­schen Wirtschaft unerträgliche Lasten auferlegen. Der Handel mit Indien stockt seit Monaten; die Fabriken von Lancashire, die die Baumwollgewebe für die indischen Massen anfertigen, müssen ihren Betrieb auf der ganzen Linie entweder stark ein­schränken, vielfach sogar ganz einstellen. Diese enge Verknüpfung englischer Wirlschaftsinteressen mit der indischen Unabhängigkeitsbewegung erschwert eben die Lösung dieses machtpolitischen Problems in so außerordentlicher Weise. Eine Verfassung für Indien zu oktroyieren, geht nicht an, denn selbst die heute zu Recht bestehende Dyarchie funktioniert ja kaum mehr; wie erst würden sich die indischen Intellektuellen gegen eine ihnen aufgezwungene Verfassung auflehnen! Indien selbst leidet aber nicht minder unter diesem unseligen Streite, und die blutigen Ereignisse an den Toren Indiens, an der Nordwestgrenze, von wo in verflossenen Jahr­hunderten barbarische Eroberer die fruchtbaren Provinzen der indischen Flußtäler mordend und sengend überflutet hatten, verfehlten nicht, einen tiefen Eindruck auf die gemäßigten indischen Poli­tiker auszuüben. Vorsichtige und diskrete Tast­versuche sind gegenwärtig im Zuge. Besprechungen finden hinter geschlossenen Kerkertüren zwischen den verhafteten Führern der Revolutionäre und den Gemäßigten statt, um die unüberbrückbar scheinen­den Gegensätze auszugleichen und die in Whitehall so heiß ersehnte Möglichkeit herbeizuführen, endlich doch am grünen Tisch mit den anerkannten Füh­rern der Bevölkerung Indiens in dem versöhnlichen Geiste, der die englische Reichspolitik seit jeher kennzeichnet, den Ausweg aus dieser tragischen Sackgasse zu suchen Hinter den blassén Hoffnun­gen, die sich am indischen Horizont abzeichnen, erhebt sich aber die trübe Frage: Was dann, wenn diese Vermittlungsversuche versagen? Welchen Weg einschlagen, wenn Gandhi und seine Freunde die Teilnahme an der indischen Verfassungskonferenz ablehnen? Welche Maßregeln ergreifen, wenn die indischen Politiker sich weigern, an der Durchfüh­rung der beabsichtigten Verfassungsreform mitzu­wirken? Nicht minder ernst mutet das zweite, rein wirt­schaftliche Problem an, djis die Staatsmänner Eng­lands zu lösen berufen sind: das Problem dec Arbeitslosigkeit. Seit einiger Zeit arbeitet in alle? Slitte eine aus Mitgliedern aller Parteien bestehende Kommission im Westminster, mit der Aufgabe be­traut, praktische und rasch durchführbare Vor­schläge zur Linderung der großen Arbeitslosigkeit auszuarbeiten Die britische Presse blickt den Ergeb­nissen dieser Beratung mit ziemlich bescheidenen Hoffnungen entgegen. Die Zahl der britischen Ar­beitslosen beträgt heute 1,939.000. Sie dürfte im Herbst zwei Millionen erreichen. Die autonome Kasse, aus der die Arbeitslosenbeiträge, die berüchtig­ten doles ausbezahlt werden, ist arg verschuldet. Das Unterhaus hat ihr vor einigen Tagen wieder einen nahmhaften Vorschuß aus Staatsmitteln bewilligen müssen, und ihre Schuld an den Staat beträgt heute rund fünfzig Millionen Pfund Sterling. Die Summe ist an und für sich nicht übermäßig hoch, doch scheut man in England instinktiv vor dem Gedanken zurück, die Arbeitslosen nicht aus dem Fonds, der aus den Beiträgen der Arbeiter und der Arbeitgeber gebildet wird, sondern einfach aus der Staatskasse zu unterstützen. Betritt einmal England diesen Weg, so ist das Ende nicht abzusehen, und schließlich würde ein Teil der Bevölkerung, der besitzende und arbeitende, den anderen Teil, den besitzlosen und arbeitslosen, einfach erhalten müssen. Das Tragische an der Lage ist, daß bestimmte Zweige der britischen genau den Geschmack seines Herrn, und wenn er für ihn gesucht und gefunden hatte, so liebte er wohl sozusagen mit Sorge, suchte, seinen eigenen Geschmack unterdrückend, sich in jenen des Königs hineinzudenken. Es war die Sensatiort von Ver­sailles, daß er solcherart der Reihe nach vier Schwestern, die Markgräfinnen von Nesles, für ein so vielbeneidetes Amt ausgewählt hatte, und seine Autorität war so begründet, daß er auch unter Lud wig dem Sechzehnten, der keine Maitressen hatte, Chef aller königlichen Unterhaltungen blieb. Dann freilich hatte er es leichter, nun mußte er nur noch seinen eigenen Geschmack in Rechnung stellen, und es wird behauptet, daß sich der Herzog damals in alle schönen Schauspielerinnen des königlichen Theaters verliebt hätte. Damals war der Herzog siebzig und achtzig Jahre alt und noch älter. Blieb immer noch umglänzt von dem Ruhme, der erfolgreichste und unermüdlichste Liebhaber Frank­reichs zu sein. Sein Tod vor etwa anderthalb Jahrhunderten erfolgte gerade rechtzeitig, um ihm die Bekannt­schaft mit der Revolution und der Guillotine zu er­sparen. Doch vielleicht war dies nur sein erster Tod, und erst jetzt stirbt er zum zweitenmal, da sein Liebestempel verschwand, und dort, wo er schönen Frauen Feste gab, Banken und Exportfirmen ihre Kontore einrichten. Der Herzog von Richelieu war der etwas jüngere Zeitgenosse Casanovas, der die Weltwende noch in Brüx erlebte und über sie mora­lische Betrachtungen niederschrieb. Vermutlich hätte der echte Kavalier ebenfalls sehr interessante Lebenserinnerungen niederschreiben können, freilich ohne den Wirbel von Abenteuern, Reisen, Betrüge­reien, Verhaftungen und Flucht, die Casanova un­sterblich gemacht haben. Denkt man jedoch bloß an das Kennzeichen des Frauenlieblings, des un­widerstehlichen Eroberers, so übertrifft Richelieu den'Venetianer; denn er hat nicht wie dieser vor dem Alter kapituliert, sondern bloß vor dem Tod. Mit dreiundachtzig Jahren betrügt der Herzog noch seine dritte Gattin, das Datum ist historisch und erfüllt seine Zeitgenossenschaft mit einer Art von lächeln­der Ehrfurcht. Andere Methusalems sehen dem Spiel ihrer Urenkel zu, haben abgedankt, Don Juan Richelieu jedoch unterwirft sich nicht, und so groß, so rätselhaft ist die Macht seiner Verführung, daß Zeitgenossen beteuern, die schönen Frauen hätten sich zu dem häßlichen, kleinen, zahnlosen und keineswegs besonders geistreichen Greis gedrängt. Sein schlechter Ruf wirkte wohl wie eine unwider­stehliche. Kraft, weckte die Neugier der Frauen. Die Historiker, die sich öfter mit dieser sehr französischen Gestalt, mit diesem echten Kavalier des Rokoko beschäftigt haben, vermochten niemals zu ergründen, was das Geheimnis seiner Erfolge war. Jeder echte Don Juan bleibt ja unerklärlich, das Genie der Liebe läßt sich allenfalls feststellen, man kann seine Taten aufzeichnen, doch niemals ein- fangen, was seine Anziehungskraft ausmacht. Der Herzog war nicht reicher, nicht freigebiger, nicht schöner und klüger als andere, die vergebens lockten und girrten, wo er nur die QuaJ der Wahl hatte. Doch es scheint, daß er niemals verschmähte oder zurückwies. Als der Dreiundzwanzigjährige als Unsterblicher in die Akademie aufgenommen wird, bringt ihm, während er seine Einführungs­rede hält, der Diener auf einmal 21 Liebesbriefe von entzückten Hörerinnen. Es ist wie eine Epidemie. Der Herzog aber scheint entschlossen, keine Dame zu verschmähen, die ihm ihre Huld anbietet. Min­destens soll jede schöne Frau, die es wünscht, als seine Geliebte gelten. So schickt er seine Kutsche mit seinem Wappen und den Dienern, die seine Livree tragen, vor die Häuser aller großen Damen, die ihn auszeichnen — auch vor jene, und sogar vor allem vor jene, die nicht auf seiner endlosen Lepo­relloliste stehen. Dort warten die Kutschen ganze Nächte, und Madame wird beneidet. Einzelnummer an Wochentagen ftC, an Sonntagen 33 Heller. B Fewlüetosa. Ein LiebesschloB wurde demoliert. Von LUDWIG BAUER (Paris). Kürzlich wurde der „Pavillon de Hannovrß“ abgerissen, berühmt wegen seiner galanten Erinne­rungen, nicht als Bauwerk; so fiel er unter Schaufel und Spitzhacke, mußte des Schutzes der „Ge- • Schichtsdenkmäler“ entbehren. Er stand vereinsamt inmitten der Pariser Geschäftshäuser, Rokoko, das sich 1930 verirrt hatte. Die Pariser Chronisten, voran der geistreiche und lebhafte Paul Reboux, widmen diesem Ereignisse halb lächelnde, halb wehmütige Erzählungen, schreiben ihm amüsante Totenklagen. Eine seltsame Gestalt wird herauf­beschworen: jene des Mannes, der einst sich diesen kleinen Palast baute und nicht nur durch seinen großen Namen berühmt war. Herzog von Richelieu, Marschall von Frankreich, Großneffe des Kardinals, erster Höfling bei den letzten Bourbonen, Todfeind der Pompadour, mit der er einen zwanzigjährigen Krieg führte. Hier zeigte sich der Marschall als be­deutenderer Stratege wie auf dem Schlachtfeld. Er wurde dann der ergebene Freund der Dubarry und unterwies sie in allen Künsten der Gesellschaft und des vornehmen Tones. Dies hinderte iljn nisht, ihrem Königlichen Freunde auch sonst angenehme Damen zu empfehlen; er nahm diese Pflicht eines „Mittlers“ für die Majestät f überaus gewissenhaft, und es scheint, daß er Ludwig dem Fünfzehnten keine Frau zuführte, von deren Eignung er vorher selbst sich nicht überzeugt hatte. Hier waren wohl die Grenzen zwischen Genuß und Amt kaum genau zu ziehen; der Herzog mußte wohl fürchten, in Un­gnade zu fallen, wenn er einmal eine Ungeeignete dem König empfohlen hätte. Der Höfling kannte

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