Pester Lloyd - reggeli kiadás, 1934. június (81. évfolyam, 122-145. szám)

1934-06-02 / 122. szám

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Josef Erdos, Qyöri & Nagy, Harsányl, Haasenstein & Vogler, Cornel Leopold, Julius Leopold, Hagy. hirdető- iroda, Mosse Rudolf A.-G., Julius Tenzer, Uray. Generalvertretung des Pester Lloyd für Oesterreich: I*. Dukes Naohf. A.-B., Wien, Wollzeile 16. Kin zelnummer für Budapest und für die Provinz: Mörgenblatt an Wochentagen 16 Heller, an Sonntagen 33 Heller, Abendblatt 10 Heller. — Für Oesterreich: Morgenblatt an Wochentagen 3 0 Gr., an - Sonntagen 40 Gr. und Abendblatt 20 Gr. Redaktion u. Adm.: V., MáriaValéria-ucca lii. Telephone: Redaktion: 848—20. Nach Mitternacht: 848—26. Administration: 849—09. 81. Jahrgang. Budapest, Samstag, 2. Juni 1934. Nr. 122 Krieg oder Friede? Budapest, 1. ‘Juni. ( _ti.) Der römische Geschichtsschreiber Titus L ivius erzählt, wie die Römer Karthago den Krieg erklärt haben. Der Sprecher der römischen diplo­matischen Mission trat vor den karthagenischen Staatsrat hin und teilte die Bedingungen Roans mit. Dann rafte er seine Toga auf und forderte die Karthagener auf, den Krieg oder den Frieden zu wählen, die er in der Falte der Toga bereit halte. Die Karthager antworteten mit Nein. Da ließ der Abgesandte Roms seine Toga fallen: der Krieg war losgelassen. Er wütete siebzehn Jahre lang und be­reitete Rom unendliche Leiden und Opfer, Karthago aber den Untergang. Der Eindruck, der nach der am Mittwoch im Hauptiaussdhiuß der Abrüstungskonferenz gehaltenen Rede des französischen Außenministers Rarthou im Konferenzsaal geherrscht hat, mag in einzelnen klassisch gebildeten Zuhörern die Erinnerung an die von Livius geschilderte Szene wachgerufen haben. Der Vertreter Frankreichs sprach entscheidende Worte, nach denen die Welt sich auf eine Periode der zunehmenden politischen Spannungen gefaßt machen muß* Das Phantom, das unter den schnei­dend hingeworfenen Sätzen Barthous im Genfer Kon­ferenzsaal sichtbare Gestalt annahm, war nicht der Krieg — es war noch nicht der Krieg, wohl aber ein Zustand zwischen Krieg und Frieden, der alle spär­lich gewordenen unentwegten Anhänger des euro­päischen Friedens in qualvolle Alarmbereitschaft versetzen muß. Die Worte Barthous bedeuten, daß Frankreich die ihm dargebotene Möglichkeit einer gütlichen Einigung mit Deutschland beiseitesohiebt, und daß es, gestützt auf seine Machtmittel und seine neue Bündnispolitik, sich für stark genug hält, um seine eigene AhrüstungspoMtik, unbekümmert um die Meiung der anderen, durchzusetzen. Dadurch ist in Genf eine klare Lage entstan­den. Der Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz war vor einigen Tagen zusammengetreten, denn die in den letzten Monaten unternommenen diplomati­schen Versuche, die einzelnen Mächte auf einer ge­meinsamen Plattform zusammenzubringen, mußten endlich geklärt und liquidiert werden; nach der an England gerichteten Note, vom 17. April zeigt nun die vorgestrige Rede Barthous mit vorbildlicher Klarheit, wie sich die französische Diplomatie zu diesen Versuchen verhält und welche Unterstützung die Anhänger einer friedlichen Kompromißlösung von ihr zu erwarten haben. Die Grundelemonte der heutigen Lage sind seit längerer Zeit bekannt: die wichtigste Spannung in der Abrüstungsfrage besteht zwischen Frankreich und Deutschland, von denen Frankreich die Sicherheit, Deutschland die Verwirk­lichung der Rechtsgleichheit als unerläßliche Vor­bedingung jeder Abrüstungskonvention betrachtet. Die in vermittelndem Sinne tätigen Mächte, Eng­land und Italien, haben bereits eine Anzahl von For­meln vorgeschlagen, durch die jene Gesichtspunkte der Sicherheit und der Gleichberechtigung mit­einander in Einklang gebracht werden könnten. Die Denkschriften Englands und Italiens Ende Ja­nuar waren die wichtigsten Anregungen dieser Art. Beide beruhen, was die Gleichberechtigung anbe­langt, auf der Fünfmächteerklärüng vom Dezember 1932. Die eisig ablehnende Antwort, die Frank­reich auf diese Vorschläge am 17. April und vor­gestern durch den Mund Barthous erteilt hat, kenn­zeichnet den heutigen Stund der französischen Außenpolitik. Während • fast der ganzen Dauer der Ab­rüstungskonferenz hat Frankreich eine Linksregie­rung gehabt, die, obtvohl national eingestellt, sich Kompromiß-Vorschlägen gegenüber nicht schroff ab­lehnend verhielt. Panl-Boncour ging bis zu einem gewissen Grade auf die Vermitthingsinitiative Eng­lands und Italiens ein; was er dagegen forderte, war zunächst eine Internationalisierung der Luftarmeen, dann aber — und hierin bestand eine der lebens­fähigsten Leistungen der ganzen Konferenz — die Angleichung aller europäischen Heerestypen. Beide Konzeptionen setzen in einer bestimmten Form die Verwirklichung der Rechtsgleichheit. voraus und bejahen dadurch die Möglichkeit eines Koriipro- misses. Voraussetzung blieb auch für die franzö­sischen Linksregierurigen natürlich die Schaffung zusätzlicher Sicherheitsgarantien für Frankreich. Das neue Frankreich, das Frankreich der Na­tionalen Einigung und der nationalistischen In- transigenz, tritt an das Abrüstungsproblem von einer ganz andfcreb Seife, heran. Für dieses Frank­reich, dessen Wortführer Bartho.u ist, gibt es keine Verkoppelung der Sidherheits- und der Gleichheits­frage. Dieses Frankreich meint, die Abrüstungskon­ferenz habe sich weder um eine Verminderung, noch um eine Angleichung der Rüstungen zu küm­mern; ihre alleinige Aufgabe sei es, Frankreichs bedrohte Sicherheit zu garantieren, Die Fünfmächte­erklärung sei durch die inzwischen in Deutschland eingetrelenen Ereignisse überholt. 'Deutschland be­folge eine Politik der massiven Aufrüstung und be­drohe dadurch die Ruhe und den Frieden ganz Europas. Die Konferenz müsse sich also in eine Konferenz für gegenseitige Hilfeleistung und für Sicherheitsgarantien umgestalten; • solange sie auf diesem Gebiete nichts Entscheidendes leiste, sei mit Frankreich weder über Abrüstung, noch über Ab­schaffung der Rüstungsungleichheit zu reden. Neu in dieser Stellungnahme ist nicht nur der Inhalt, sondern in erster Reihe die darin zutage tretende Methode. Frankreichs Sicherheit war auch von den früheren französischen Regierungen immer allen anderen Problemen vorangestellt; aber die Linksregierungen ließen durchblicken, daß sie für den Fall der Einräumung von Zugeständnissen auf diesem Gebiete zu Gegenkonzessionen bereit seien. -Sie gingen stets in enger Fühlung mit England und mit Italien vor und suchten Deutschland in eine isolierte Lage hineinzumanövrieren, indem sie stän­dig um die Ausarbeitung einer Kompromißlösung der drei westeuropäischen Mächte (zu denen noch Amerika als vierte hirizutrat) bemüht waren. Der Bartouschen Politik erscheint diese Zusam­menarbeit ganz nebensächlich. Kein französischer Außenminister seit dem Kriege hat sich England ge­genüber einen derart beißenden satirischen Ton er­laubt, wie ihn'ßarthdu vor dem leicht indignierten Sir John Simon vorgestern anschlug. Er machte sich über' den englischen Kompromißgedanken hem­mungslos her, um ihn ins Lächerliche zu ziehen: die Engländer — sagte er — wollten ihm eine Brücke bauen, er aber habe kalte Bäder nicht gern und traue sich über die von seinem ehrenwerten Freund erbaute Brücke nicht... Damit war also gesägt, daß die von England geschlagene Brücke ein Bluff und eine Falle sei. Die. französische öffentliche Meinung mag zu dieser schneidigen Abfuhr Beifall klatschen; endlich ein französischer Außenminister, der sich von den Briten nicht düpieren lasse und Frankreichs Interessen mutig und entschlossen vertrete. Was da in Wirklichkeit vorging, davon haben nur wenig Franzosen einen klaren Begriff. Die französisch-1 englische Freundschaft jnag trotz der Ironie Bar­thous weiter bestehen; aber zwischen der englischen und der französischen Abrüstungspolitik tat sich ein unüberbrückbarer Abgrund auf. England, Amerika, Italien und eine Reihe anderer Staaten fassen die Ab­rüstung als ein durch gütliche Einigung, durch'Über- briiekung der gegenseitigen Standpunkte, also durch Kompromiß zu .erreichendes Ziel auf. Die neutralen Staaten, deren Vorschlag die Konferenz in den ihr noch beschiedenen Tagen beschäftigen wird, stellen gleichfalls auf diesem Standpunkt. Frankreich aber hat alle Hemmungen von sich geworfen und faßt das Feuilleton» Die Dame und der Taschendieb. Von NICOLAS VIDOR. Er tat es nicht gern, weiß Gott, es hatte ihn viel Überwindung gekostet, sich zu diesem Entschluß auf­zuraffen. Aber was blieb ihm weiter übrig? Wenn man seit gestern morgen nichts weiter als ein paar trockene Schrippen und eine Tasse Kaffee im Leibe hat und seit drei Tagen kein Bett sah, sich in elenden Bouillonkellern herumdrückte und nur einmal eine Handvoll Schlaf auf einer Bank im Tiergarten nahm, dann gehen auch die trefflichsten Vorsätze flöten. Man mußte doch, leben! 0 ja, dieses verfluchte Leben!!! Benno — sein Familienname interessiert hier nicht — in Kollegenkreisen wurde er der schöne Ben genannt, blieb mitten im Gewühl des Kurfürsten­damms stehen und blinzelte in die Frühlingssonne, die schon ziemlich wann vom blauen Himmel schien. Die grellen Strahlen blendeten, er schloß die Augen, und da... in diesem Moment hatte er eine Vision. Er befand sich nicht mehr auf der lärmerfüllten Prunkstraße des Berliner Westens, das Brausen rings um war mit einem Schlage verstummt... vor seinem inneren Blick tauchte schemenhaft, doch von er­schreckender Deutlichkeit ein anderes Bild auf; vier kahle Wände, ein schmales Gitterfenster, die Pritsche mit dem blaugewürfelten Bettzeug. So grausam plastisch war dieses Bild, daß Ben tatsächlich eine Sekunde lang glaubte, sich wieder in seiner Gefängnis­zelle zu befinden, die er nach zweijährigem Aufent­halt vor fünf Tagen erst verlassen hatte. Doch dann rief ihn sein knurrender Magen wieder in die Wirklichkeit zurück. Er ärgerte sich über seine Vision. Verdammt, war er ein altes Weib, daß er am i hellen Tage-Gespenster sah!? Er richtete sich ganz: straff auf und äugte scharf nach rechts und links. In der Scheibe eines großen Weinrestaurants betrachtete er, sein Spiegelbild. Die Wangen waren etwas bleich geworden, die Backenknochen traten spitz hervor .. . kein Wunder, nach so langem Entbehren von Licht und frischer Luft. Aber zugleich konstatierte er, daß die Blässe ihm jenes aristokratische Air verlieh, das viele Frauen lieben. Und dann die „Schale!“ Da war nichts dran zu tippen. Hellgelber Trenchcoat, apart gemusterte, Knickerbockers, funkelnagelneue Sport­schuhe. Ben,wußte, was sich schickte. Den Verdienst zweier Gefängnisjahre hatte Ben in die Modeableilung eines großen Kaufhauses getragen, in der richtigen Erkenntnis, daß eine gute.Kluft oft weil mehr Nutzen bringt als ein guter Charakter. Ben war ein Mann der- Gegenwart. Mit einem beinahe zärtlichen Blick verabschiedete er sich von seinem Spiegelbild. Bei dieser Gelegenheit sah er hinter der Scheibe einen Herrn sitzen, tief im weichen Sessel sich räkelnd und grade ein Glas dunklen Port­weins zum Munde führend. Auf dem Tisch vor ihm stand eine mit Eisstückchen gefüllte Schale und darin schwamm ein Schüsselchen, dessen Inhalt Bens Ken­nerblick sofort als Kaviar agnoszierte. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Sein Entschluß war jetzt durch nichts mehr zu erschüttern. Wenn ich nur ein ganz klein wenig Dusel habe, dachte er, dann sitze ich in einer halben Stunde auch hinter dieser Scheibe und ergötze mich an einem Frühstück, das nicht von Pappe ist. Ben trabte weiter, der Gedächtniskirche zu. ln ihm gärte ein Trotz, der ihn zu jeder Tat fähig machte. Weiß Gott, er hatte lange genug gezögert, ehe er sich entschlossen hatte, sein altes Gewerbe des •„Pattenziehens“ wieder aufzunehmen. Er war drei Tage mit knurrendem Magen herumgelaufen, hatte den Arbeitsmarkt der Zeitungen studiert, aber cs ist verdammt schwer, auch nur eine Anstellung als Müll­kutscher zu finden, wenn man keine anderen Papiere vorweisen; kann, als einen Entlassungsschein der Strafanstalt Plötzensee. Schuster, bleib’ bei deiiien Leisten, dachte er mit Galgenhumor. E’n alter Gauner • wie ich soll ehrlichen Leuten nioht-das-Brot wegnehmen. Seine Aufmerksamkeit ' wurde durch einen Vorgang in Anspruch genommen, dem ein gewöhnlicher Sterb­licher kaum irgendwelche' Beachtung geschenkt hätte«. - . Vor der Auslage eines großen Pelzgeschäftes stand nämlich eine Dame. Eine wunderschöne junge Dame von schlankem Wuchs, deren Profil geeignet gewesen wäre, auch den verstocktesten Weiberfeind zu einem Minnesänger zu bekehren. Dieses lieb­reizende Wesen trug ein enganliegendes- graues Trotteurkostfu’n; ein rundes, einfaches Hütchen, un­ter dessen Saum sich goldblonde Löckchen hervor­ringelten. Der kurze Sportrock ließ schmale, sciden- bestrumpfte Fesseln sehen. Ben stand wie in stiller Verzückung. Aber nicht die körperlichen Vorzüge dieses Engels wären es, die ihn so hinrissen, sondern ganz etwas anderes. Die Danié trug nämlich in ihrer Linken ein ovales silbernes Gittertäschchen, und durch die Maschen dieses Täschchens konnte Ben eine Börse von rotem Saffianleder erspähen, deren pralle Form auf be­achtenswerten Inhalt schließen ließ. Die junge Dame betrachtete weltentrückt einen wundervollen Breitschwanzmantel mit breitem Her­melinkragen und ebensolchen Ännelaufschlägen. So beachtete sie es gar nicht, als auf einmal ein distin­guierter Herr neben ihr stand. Der hatte die rechte Hand in. der Tasche seines Mantels und hätte für das Prachtstück von einem Pelz offenbar das gleiche Interesse. Durch das Loch in seiner Tasche — Ben hatte es vorsorglich hinemgeschnitten — tastete er mit äußerster Behutsamkeit das Terrain ab. Vor­sichtig — ganz vorsichtig. Wenn die Sache" jetzt schief ging — Ben wagte gar nicht daran zu den­ken, wie viel Jahre „Knast“ ihm dann wohl blühten. So — der Verschluß des Täschchens war geöffnet. ‘Nun machte Ben die Schere“. Zeige- und Mittel­finger spitz ausgestreckt, die übrigen Finger dicht FESTER LLOYD MÖRGENBLATT 9 . . • _ . ,

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