Pester Lloyd - esti kiadás, 1935. december (82. évfolyam, 274-297. szám)

1935-12-02 / 274. szám

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Blau, Boros, Braun, Josef Erdős, Győri A Nagy, Harsányt. Haassnstein A Vogler. Cornel Leopold, Julius Leopold, Hagy. hirdető- iroda, Bosse Rudolf A.-Q., Julius Temen, Kinzelnummer für Budapest und für dieProvinz: Morgenblatt an Wochentagen 16 Heller, an Sonntagen 38 Heller, Abendblatt 10 Heller, für Oestcrreloh: Morgenblatt an Wochen­tagen 30 Gr., an Sonntagen 40 Gr. uni Abendblatt so Gr. Redaktion u. Administrations T„ MÁRIA VALÉR IA-UCCA lKt Telephone: Redaktion: 848—so. Naoh Ritternaohh 848—S6. Administration 849—00 82. Jahrgang. Budapest, Montag, 2. Dezember 1935. Nr. 274 Auslandschau« — 2. Dezember. — Ölsperrc und die Aussichten der Friedensbemühungen Das Gesetz der Abfolge von Wellen des Pessi­mismus und Optimismus, das seit Monaten die inter­nationalen Verhandlungen beherrscht, scheint noch immer in Geltung zu sein. Seit Samstag mittag be­urteilt man die Situation wieder etwas zuversicht­licher. Dabei hat sich an den Tatsachen nichts ge­ändert. Immer noch muß als sicher angenommen werden, daß Mitte Dezember die Ölsperre gegen Ita­lien beschlossen wird. Zwar hat man in den letzten 24 Stunden auch einige sanktionsk ritische Stimmen gehört, so besonders aus Kanada, das bisher zu den eifrigsten Verfechtern der Anwendung des Artikels IG gehörte, aber sie werden kaum etwas an den Be­schlüssen des entscheidenden Kabinettsrats ändern können, der heute in London Zusammentritt, um die englische Haltung auf der zum 12. Dezember einbe- rufenen Sanktionskonferenz zu erörtern. Die Mehr­heit der Kabinettsmitglieder scheint für die unbe­dingte Ausdehnung der Exportsperre nach Italien zu sein, obwohl andere Zweifel daran hegen, ob durch diese Maßnahme die europäische Spannung erhöht oder vermindert werden wird. Das Verhalten der übrigen Sanktionsmächte wird sicher nach dem eng­lischen Beispiel orientiert sein. Die kleineren Staaten werden sich der von England vorgeschlagenen Poli­tik ohne viel Bedenken anpassen, und Frankreich hat am Samstag durch den Mund seines Minister­präsidenten dem italienischen Botschafter Cerruti er­klärt, daß es in voller Solidarität mit den übrigen Mitgliedern des Völkerbundes handeln werde. Damit scheinen alle Spekulationen auf die Schwäche des Völkerbundes hinfällig zu werden, Italien muß tat­sächlich mit einer breiten und einigen Front der Mehrzahl der Mitgliedstaaten von Genf rechnen. Man denkt in Rom viel zu realistisch, um sich über die Sachlage irgendwelche Illusionen zu machen. Das beweist der Kommentar, den man heute zu dem am Wochenende erfolgten Schritt . Italiens in Genf hört. Der Protest gegen die bevorstehende Ölsperre war nicht, wie es ursprünglich hieß, in die Form einer Drohung mit ernsten Konsequenzen gekleidet. Ebenso sind die Bemerkungen der italienischen Presse auf den Ton einer würdigen Zurückhaltung gestimmt. Die zu erwartende. Verschärfung der Si­tuation wird als unglückselige und folgenschwere Weihnachtsbescherung bezeichnet. Popolo d’Italia nennt das Vorgehen einen übertriebenen Zynismus und warnt, mit dem Petroleum zu spieleu, da es leicht entzündbar sei. Wenn der Völkerbund nicht in den Händen der Trabanten Englands wäre, würde er sieh mit der Wiederherstellung des Friedens und mit den entsprechenden Mitteln begnügen und nicht mit Mitteln befassen, die zu einer Vci Schürfung der Lage führen und geeignet seien, die Dinge auf die Spitze zu treiben, und die die Gefahr eines euro­päischen Krieges herauf beschwören könnten. Damit folgen die Zeitungen dem Beispiel, das Mussolini selbst in seiner letzten Rede vor den Kriegswitwen des Weltkrieges gegeben hat Mit verständlicher Bit­terkeit stellte der Duce fest, daß die Länder, für die Italiener vor zwanzig Jahren ihr Blut , vergossen ha­ben, heute den Abessiniern Waffen liefern. Was die wirtschaftlichen Sanktionen anbelangt, so zeigte Mussolini allerdings starken Optimismus, als er aus rief:, Niemand kann sich vorstellen, über welche Re­serven wir verfügen! Jedenfalls bewahrt die italieni­sche Politik kaltes Blut sie läßt sich nicht zu über­eilten Schritten hinreißen und von einem Austritt aus dem Völkerbund ist immer noch keine Rede. Auf diese Selbstdisziplin der Italiener gründen sich jetzt die neuen Hoffnungen. Laval soll am Samstag Cerruti energisch erklärt haben, daß für Italien der Augrnbl'ck gekommen sei, in konkrete Verhandlungen einzutreten und genau umschriebene Wünsche vorzubringen. Auch in London glaubt man, daß Italien die noch vorhandene Frist bis zum Zu­sammentritt der Sanktionskonferenz ausnützen sollte, um den Friedensbemühungen Lavtils zu helfen. Im Zusammenhang mit diesen Erwartungen ist der eng­lische Abessiniensachverständige Peterson ange­wiesen worden, weiterhin in Paris zu bleiben. Wich­tiger als dieses Symptom sind die Nachrichten über eine bald bevorstehende Zusammenkunft zwischen Laval und Baldwin, die sich trotz des amtlichen Schweigens auf beiden Seiten des Kanals hartnäckig erhalten. Es ist zu hoffen, daß diese Entrevue Lö- sungsmöglichkeiten schaffen wird, denen sich auch' Italien anschließen kann. Ein standhafter König. Wenn der Geschichtsunterricht einmal ein tref­fendes Beispiel für die • Ch a rakterisier ung des wahr­haft königlichen Verhaltens suchen sollte, so wird er kaum eine charakteristischerwe Haltung aus der Gc- genwartsgeschichte wählen können, als. die König Georgs seit 'einer Rückkehr nach Griechenland. Es gehört wähl lieh mehr als potilisclic Klugheit, es ge­hört königliche Großmut, Überlegenheit, Standhaf­tigkeit dazu, wie er sich in der politischen Krise, die unmitteilvar nach seiner Rückkehi ausgebrochen ist, verhalten hat. Es zeugt in der Tat* von stählernem Charakter, daß er erst sich monatelang weigerte, putschartig zurückzukehren, vorerst das Vertrauens­votum von neun Zehntel seines Volkes abwartete und dann sofort nach seiner Heimkehr die vollkom­mene und restlose Amnestierung seiner politischen Gegner, der Teilnehmer des republikanischen Auf­standes im März dieses Jahres durchsetzte. General Kondylis, der militärische Überwinder dieses Auf­standes! und der energischeste Vorkämpfer der Re­stauration stemmte sich mit ganzer Gewalt gegen den Amnestieplan und drohte mit Rücktritt. Er wurde entlassen. Er veranstaltete Demon dra Honen gegen Vemizelos und für sieh selbst: es nützte ihm nichts. Der König hat sofort mit seinem ersten Akt unmiß­verständlich gezeigt, daß er keine Miarionettenfigur von Generalen mit diktatorischen Vmbitiionen, kein König der Rache und der Parteienzwivt, sondern ein energischer, aber friedlicher Herrischer sein will, der die königlichste aller Tugenden zu üben vermag, Milde walten zu lassen. Nachdem Kondylis Schritt für Schritt zurückgewichcn ist, mußte er schließlich zuriieklreten und konnte nur so viel erreichen, daß die amnestierten Offiziere der Armee nicht wieder reaktiviert, sondern mit halbem Sold pensioniert werden. Nach einer Athener Meldung hat das Amtsblatt Sonntag abend den Wortlaut des allgemeinen Am­nestiegesetzes betreffend die am Märzaiifständ betei­ligt gewesenen Militär- und Zivilpersonen veröffent­licht. Alle diese Personen, ohne Ausnahme, die we­gen einer Beteiligung an jener aufrührerischen Be­wegung angeklaigt worden sind --- etwa 700 an der Zahl —,: werden begnadigt. Diese Begnadigung kommt auch den ins Ausland geflüchteten 200 Per­sönlichkeiten, darunter auch Venizclos und Plastiras, zugute. Diese königliche Verfügung bedeutet einen ersten Sieg des Königs über die Opposition, die über­raschenderweise sich gerade im Lager der eifrigsten Monarchisten gebildet hatte. Die Amnestie ist eine totale, d. h. den Begnadigten werden auch die be­schlagnahmten Güter wieder zurückerstattet. Diese Geste hat dem. König gerade innerhalb der republikanisch’ gesinnten Bevölkerung viele Freunde ■erworben. Andererseits wird von zahlreichen Anhän­gern des zurückgetretenen Ministerpräsidenten Kon­dylis diese Handlung mißbilligt, ln diesen extrem royalistIschen Kreisen bedauert man sogar, wie ein diesen Kreisen nahestehendes Blatt am Sonntag zu verstehen gibt, die Rückkehr de Königs nach Grie­chenland. Die neue Regierung Demerzis ist eine Beamtem- rvgierung ohne jede politische Färbung. Nach den Informationen der griechischen Presse wird sich die neue Regierung hinnen kurzem der , Nationalver­sammlung vorstellen und ihr Programm unterbrei­ten. Die Blätter glauben übrigens zu wissen, daß es zur Auflösung der Nationalversammlung nur dann kommen könnte, falls die Mehrheit der Regierung kein Vertrauen votieren würde. Der Sonderberichterstatter des Excelsior hatte ein Interview mit dem Ministerpräsidenten Demerzis. Über die Außenpolitik seines Kabinetts führte dieser aus: Die Regierung hält an dein Balkanbundc fest und ist bestrebt, mit sämtlichen Staaten, namentlich aber mit jenen Großmächten aufrichtige Freund­schaft zu pflogen, mit denen Griechenland durch traditionelle F reundschaftsbezir hangen verbunden ist, wie auch mit den Staaten, die auf dem Festlande und zur See seine Nachbaren sind. Demerzis betonte, daß Griechenland mit Frankreich durch Jahrhun­derte alte Bande verknüpft ist. Wir wünschen sehn- lichts — sagte er —, daß nichts geschehe, was diese Freundschaft stören könnte. General Kondylis erklärte Pressevertretern ge­genüber, daß der- König durch die Zusammensetzung der neuen Regierung bewiesen habe, daß er gegen­über sämtlichen Parteien eine unvoreingenommene Politik befolgen wird. In einzelnen royalistischen Kreisen verde dies offenbar eine gewisse Enttäu­schung horvorrufen, doch billige die große Mehr­heit der öffentlichen Meinung im allgemeinen die­Haltung des Königs. Dicse lovaié Erklärung des Generals Kondylis zeigt, daß die moralische Über-* legenheit des Königs in der griechischen Politik be- re its ihre Auswirkungen zeitigt und man kann am nehmen, daß die Großmut seiner Amnestiegeste dent Beginn einer kräftigen Gesundung der inuenpoliti- sehen Verhältnisse Griechenlands bedeuten wird. Shakespeare als Klasscnheltl. Das russische Volkskommissariat für Erziehung hat vor wenigen Tagen eine dreitägige „Shakespeare-: Konferenz“ veranstaltet, an der Theaterleute, Pro-« fessoren, Lehrer, Künstler, Schriftsteller und Musiker, teilnahmen, also Leute aus allen Kreisen; die mit Kunst und Literatur zu tun haben. Es wurden elf Vorträge gehalten, denen eine allgemeine Aussprache folgte. Schließlich wurde ein Besohlußantrag ange- nommen, in dem die „Richtlinien der Shakespeare-1 Interpretation im Geiste des sozialistischen Realismus“ niedergelegt waren. . ‘ Dies bedeutet vor allem, daß die, bis her von den Shakespeare-Forschern so ziemlich allgemein geteilte Auffassung, Shakespeares Weltanschauung-sei aristo­kratisch gewesen, von den komihunisti.sehen Lite-» ralurhistorikern einer Revision unterzogen wird, Shakespeares Ideologie war, heißt es nach der „revü dierlen“ Auffassung, die in den Vorträgen dér Kon* ferenz zum Ausdruck kam, die der aufstrebenden bürgerlichen Klasse, deren Stellung im K l a ssen - Kampfe der damaligen Zeit in den Gestalten Shake­speares zur symbolischen Darstellung gelangt. So seien die Frauengestalten namentlich der Königs­dramen keine der Wirklichkeit entrückten Heroinen, sondern Menschen mit politischen und sozialen Leidenschaften. Shakespeare lebte in einer aufge­wühlten Zeit, und seine Dramen tragen zuim Ver­ständnis der sozialen Kämpfe jener bewegten Über­gangsperiode bei. Diese Theorie wurde mit der größten Eindring­lichkeit von eihem jungen Shakespeare-Forscher ent­wickelt. dessen Laufbahn ziemlich typisch für die neu heranwnchsende Intellektuellenschicht Sowjet­rußlands ist. Sergei Sergejewitsch Dinamow war ur­sprünglich Textilarbeiter, wurde dann Buchdrucker und diente in der Roten Armee bis 1926: erst nach­her begann er sich wissenschaftlich auszubilden, w obei er vor allem englische Literatur mit besonde­rer Rücksicht auf Shakespeare studierte. Er ist jetzt 64 Jahre alt. An der Konferenz nahmen natürlich auch zünftige Literaturhistoriker teil. Der Versuch, Shakespeare in die Begriffswelt des Marxismus als Exponenten einer bestimmten Klasse einzuordnen, mutet auf den ersten Blick befremdend an. Es ist eine ziemlich extravagante Behauptung, daß der Dichter, der den ritterlichen Hof des Theseus der bürgerlichen Welt der Rüpel von Athen mit so grausamer Ironie gegen die letztere gegenüberstellte, ein Organ des Klassenkampfes eben dieser aufstreben­den bürgerlichen Klasse gewesen sei. In Shakespeares Werken, namentlich in den späten Tragödien, läßt sich in der Tat die Krise der hinsinkenden Welt der aristokratischen Bindungen, der Welt des Mittelalters studieren; aber Shakespeare erlebt den Sturz dieser Ordnung als tragisches Fatu-m, und seine Helden, die den Zerfall des Weltgefüges in der eigenen Seele tragen, versinken unerlöst in das Schweigen, dessen einzige mitleidlose Wäohterin die Natur ist. Wie jede große geistige Erscheinung, drückt auch Shakespeare die ganze Tiefe der sozialen und politischen Zeit- sitüätion aus, aber der Versuch, ihn auf vulgär­marxistische Weise, einzig an Hand seiner Geburts­dokumente als „Bürger“ und mithin als Künder des ..bürgerlichen Klassenkampfes“ abzustempeln, ist naives Autodidaktentum oder schlimmer als das: politisch dirigierte Wissenschaft. Aber die wahre Bedeutung der Moskauer Shakespeare-Konferenz liegt vielleicht gar nicht in dem Inhalt der dort vorgetragenen Theorien. Das Wesentliche ist jene wirkliche Leidenschaft, mit der sich die neue Intelligenzschicht Sowjetrußlands, eine Schicht, die mit der alten Bourgeosie nichts mehr zu tun hát, auf die historischen und ästhetischen Werte der alten Welt stürzt. Früher, in der Kampfperiode der russischen Revolution hieß es, die ganze „histo­rische“ Kultur sei für den neuen Menschen wertlos, dessen Erschaffung erst mit der russischen Revolution begonnen habe. Damals hat Rußland seine lern­begierigen Söhne zu Technikern erzogen. In den letz­ten Jahren erst trat die Wendung ein, für die auch die Laufbahn des marxistischen Shakespeare-For­schers Dinamow bezeichnend ist. Jetzt studieren die jungen Proletariersöhne an den russischen Univer­sitäten alle abstrakten und historischen Wissenschaf­ten mit wahrem Heißhunger, und von klassischer

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